Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 29.10.2017


Bayerischen Staatsoper

Intrigen, Blumen und ein Schuhgewitter

Christof Loy und Constantinos Carydis mit Wolfgang Amadeus Mozarts „Nozze di Figaro“ an der Bayerischen Staatsoper.

© Bayerische Staatsoper/HöslIn Mozarts „Nozze di Figaro“ wird an der Bayerischen Staatsoper effektvoll mit Räumen gespielt.Foto: Bayerische Staatsoper/Wilfried Hösl



Von Jörn Florian Fuchs

München – Zur Saisoneröffnung an der Bayerischen Staatsoper lässt man sich nicht lumpen! Ein neuer „Figaro“ mit sängerischer Topbesetzung, einem mittlerweile sehr umworbenen Gastdirigenten, dazu verzeichnet das Programmheft sogar noch zwei Puppenspieler. Ersetzt wird mit dieser Premiere Dieter Dorns exakt zwanzig Jahre alter Publikumshit, der den Intrigenstadl in arg reduziertem Design präsentierte. Nun also Christof Loy, vielbeschäftiger Seelenanalytiker (zuletzt etwa in Salzburg mit „Ariodante“), Meister des großen, dabei meist pathosfreien Emotionentheaters. Was also macht Loy in München neu? Nun, die Bühnenausstattung ist nicht sehr opulent, im Hintergrund sieht man gemalte Natur, vorne agieren die LiebesspielerInnen in edler Kostümpracht (Klaus Bruns), die diverse Zeiten zitiert (ziemlich viel Rokoko) und doch zeitlos bleibt.

Die Gräfin trägt bereits zum Frühstück Abendkleid, Cherubino (leichtes, feines Timbre: Solenn’ Lavanant-Linke) dafür bei einigen zentralen Auftritten fast gar nichts – Loy zeigt ihn/sie als deutlich gleichgeschlechtlich orientierte Lolita. Ansonsten liegt man kleidungstechnisch oft genau auf der Schnittlinie zwischen echtem Stil und leichter Karikatur. Genau so inszeniert auch Christof Loy das Geschehen, wobei die komödiantischen Aspekte ein wenig in den Hintergrund geraten. Christian Gerhaher als für die zahlreichen Verwicklungen hauptverantwortlicher Graf gibt die Partie in wunderbar lyrischer Stimmung mit ein paar Ausflügen ins Raue, Brutale. Leider darf er sich szenisch nicht recht ausleben, er hat einen veritablen Stock verschluckt, was seine ganze Körperhaltung (und Mimik) arg beeinflusst. Das wiede­rum passt zum Konzept, denn Loy geht es spürbar um ein immer leicht he­runtergedimmtes Theater, ums Herstellen einer gewissen Künstlichkeit.

Am Anfang und während mehrerer Zwischenvorhänge sieht man einen klitzekleinen Nachbau des Münchner Nationaltheaters (Bühnenbild: Johannes Leiacker), hier tauchen Figaro und Susanna kurz als Puppen auf. Mehr und mehr rutschen die realen Figuren gleichsam ins Theater hinein, werden kleiner – beziehungsweise der Raum wird größer. Am Ende steht eine bühnenhohe Tür herum. Eine nette Raumidee, die jedoch nicht wirklich weiterführt, wenig erhellt, erklärt oder erzählt. Weitere Requisiten sind formschön zu Boden geworfene Blumen sowie ein regelrechtes Schuhgewitter, die hintere Bühne wird so zum gigantischen begehbaren Kleiderschrank.

Während in den ersten beiden Akten ziemlich viel zelebrierte Biederkeit stattfindet, zieht die Sache nach der Pause doch etwas an und die Funken springen hier szenisch des Öfteren über. Constantinos Carydis agiert am Pult des Bayerischen Staatsorchesters zunächst mit wenig Fortune, nach einem anfänglich herrlich düster pochendem Streicherpuls gibt es bald seltsame Tempi nebst etlichen technischen Pro­blemen. Vor allem die Hörner hatten keinen guten Abend. Dazu setzt Carydis merkwürdige Generalpausen ein und hetzt oft derart schnell durch Partitur, dass man auf der Bühne kaum hinterkommt. Berückend geraten viele Accompagnati, die Continuo-Gruppe ist mit Hammerklavier, Cembalo und später noch einer düsteren Orgel besetzt. Ein nicht recht zielführender musikalischer Eingriff: Marcellina (mit charmantem Timbre: Anne Sofie von Otter) singt Mozarts „Abendempfindung“ als eher rührselige Vanitas-Einlage.

Quirlig stark der Figaro des Alex Exposito, Federica Lombardi singt die Gräfin mit Kraft und hoher Eleganz, Olga Kulchynska (Susanna) besitzt ein reiches Repertoire an Variationsmöglichkeiten zu ihren Themen Liebessehnsucht und Frust. Beim Applaus viel Zustimmung für die Sänger, eine Mischung aus Lust und Frust für die Regie.