Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 27.11.2017


Oper

“La Gioconda“ am Landestheater: Stimmenfest im Spitzelstaat

Am Tiroler Landestheater wird erstmals in Tirol Amilcare Ponchiellis Oper „La Gioconda“ gezeigt.

Jubel für musikalische Gestaltung, Abwehr für die Szene.

© Rupert Larl„La Gioconda“ im Tiroler Landestheater: Elena Mikhailenko setzt ihre Leuchtkraft in der Titelpartie gezielt ein. Foto: Rupert Larl



Von Ursula Strohal

Innsbruck – Wie als italienischer Opernkomponist des 19. Jahrhunderts neben Verdi bestehen? Amilcare Ponchielli, der väterliche Freund und Lehrer Puccinis und Mascagnis, übrigens von Verdi geschätzt, schaffte es nur mit einem Werk, „La Gioconda“. Es hielt sich hauptsächlich in Italien, dort liebt man die erprobten Reize von durchschlagender Dramatik, großen Tableaus, heftigen Affekten, glanzvoller Dekoration. Opulenz ohne Ende.

Am Tiroler Landestheater, wo es bei der Premiere am Samstag lautstarken Jubel für die Musik und Buh-Geschrei für die Szene regnete, interessiert das ungarische Regieduo Alexandra Szemerédy & Magdolna Parditka Dekor zuletzt. Da geht es um den politischen Aspekt mit seinen Auswirkungen auf das Leben der Menschen. Ein klarer Ansatz mit zeitloser Perspektive, Spitzel- und Unterdrückungssysteme in Überwachungsstaaten bleiben Gegenwart.

Sechs Personen verflicht das Geschick: Die La Gioconda genannte Straßensängerin pflegt ihre blinde Mutter und liebt Enzo, einen aus Venedig verbannten Adeligen, der heimlich zurückgekommen ist. Der Chefinquisitor, Alvise, nahm ihm seine Geliebte Laura. Spitzel Barnaba, brandheiß auf die Gioconda, entlarvt das Liebespaar, Alvise zwingt Laura zum Selbstmord, aber Gioconda, in der immer wieder Eifersucht aufflammt, rettet sie für den geliebten Enzo, weil Laura einmal der Mutter, La Cieca, aus der Not half. Gioconda versprach sich dafür Barnaba, entzieht sich aber durch Selbstmord. Liebesglut überall, vergeblich, weil jeder den Falschen liebt.

Szemerédy und Parditka, die auch Bühne und Kostüme gestalteten, führen an den Bühnenrändern in eine dürftige Unterkunft, Küche und Wohnecke, DDR-Ambiente der Fünfzigerjahre, überall Braun, auch bei den Kostümen. In der Bühnenmitte ein drehbares Gerüst, in Militärallgegenwart öffentlicher Jubelraum für politische Umzüge und Sportkämpfe, sowie die Machtzentrale samt Briefkästenwänden mit Bezug auf die venezianischen „Löwenmäuler“, jene Öffnungen, in die die unzähligen Denunzianten anonym ihre Anklagen versenken konnten. Jeder gegen jeden, Angst, Verrat, Willkür. Im „Tanz der Stunden“ mit Fädenzieher Barnabas läuft ein Marionettentanz in Totenmasken ab. Nebenan quält sich Laura endlos im scheinbaren Todeskampf, die Gioconda gab ihr ein Schlafmittel.

Manches geht auf in diesem Karussell aus Dämonie, Verleumdung, Rache, Mord, Furcht und bewusster gestalterischer Geschmacklosigkeit, etliches nicht. Die Personenführung übertrifft die Gestaltung der Szene, nur zu Alvise, dem zweiten Finsterling, fällt den Regisseurinnen nichts ein. Am Ende werden sie sentimental: Gioconda läuft dem verlorenen Geliebten ins Messer, Barnaba, der die Cieca ertränkt haben will, wird hier von Gioconda vergiftet, sie stirbt in den Armen der Mutter.

Mit aller Heftigkeit und Zartheit, dem melodischen Schwelgen und den Kontrasten zwischen Glanz und Grauen, Festlichkeit und Dunkel – Kontraste, die der Szene fehlen – agiert ungemein souverän der italienische Maestro Francesco Rosa. Das Orchester gibt ihm bereitwillig seine Farbenpracht, und es bekommt seine Aufmerksamkeit, auch wenn er die Sänger durch besonders heikle Szenen trägt.

Große Stimmen, intensiver gestalterischer Einsatz: Elena Mikhailenko in der Titelpartie setzt ihre Leuchtkraft gezielt ein, bleibt im Mittelpunkt, ohne sich vorzudrängen, feurig und zart. Strahlend der Sopran von Jennifer Feinstein in der Partie der Laura, atemberaubend beider Duett. Viktor Antipenko erfüllt den Enzo schönstimmig mit Leidenschaft und begreift seinen Gesang an Himmel und Meer auch wirklich als Romanze. Marian Pop kann als Barnaba Gefährlichkeit und Zynismus auch in die Stimme legen, harmloser ist der Alvise – Dominic Barberi – angelegt. Zu Recht heftig gefeiert die Cieca der großartigen Anna Maria Dur. Wenig dankbar szenisch, musikalisch von Michel Roberge wohltönend vorbereitet der Chor.