Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 17.01.2018


Interview

Klaus Rohrmoser: „Ist das Spielerische weg, ist es vorbei“

Der Schauspieler und Regisseur Klaus Rohrmoser bereitet dieser Tage seine – offiziell – hundertste Inszenierung vor. Ein Gespräch über rote Socken, verpuffte Witze und Weihnachten mit Robert De Niro.

Klaus Rohrmoser, geboren 1953 in Innsbruck, war von 1999 bis 2012 Schauspiel-Chef des Tiroler Landestheaters.

© Foto Rudy De Moor / Tiroler TageKlaus Rohrmoser, geboren 1953 in Innsbruck, war von 1999 bis 2012 Schauspiel-Chef des Tiroler Landestheaters.



Für Ihre 100. Regiearbeit haben Sie sich mit Samuel Becketts „Warten auf Godot" einen Klassiker ausgesucht.

Klaus Rohrmoser: Einen modernen Klassiker. Wobei ich mir bei den Hundert nicht ganz sicher bin. Es könnten zwei, drei Inszenierungen mehr gewesen sein. Ich wollte den „Godot" schon vor Jahren machen, aber die Produktion kam nicht zustande. Es gibt da eine lustige Parallele: Ich kam am 4. Jänner 1953 auf die Welt, einen Tag später wurde „Warten auf Godot" in Paris uraufgeführt. Ich musste also erst geboren werden, damit auch das moderne Theater anfangen konnte (lacht). Dass ich den „Godot" jetzt im Kellertheater machen kann, ist eine Herausforderung. Das Stück verlangt eigentlich nach einem unendlichen Horizont. Außerdem bin ich zum ersten Mal mein eigener Kostümbildner. Ich habe gerade eine rote Socke für Elmar Drexel besorgt. Er spielt den Vladimir.

Und den deuten Sie als rote Socke?

Rohrmoser: Es gibt die Theorie, dass Beckett für seinen Vladimir einen Klassenkämpfer vor Augen hatte, während er sich für Estragon, den jetzt Helmuth Häusler spielt, einen Juden zum Vorbild nahm, dem er bei der Flucht vor den Nazis über die Pyrenäen half.

Beckett brach mit seinen Stücken radikal mit den Erwartungshaltungen des Theaterpublikums. Solcher Mut fehlt auf den Bühnen der Gegenwart bisweilen.

Rohrmoser: Da ist etwas dran. Sagen wir so: Unterhaltung ist aktuell die stärkste Währung. Wenn man als Regisseur ein ungewöhnlicheres Stück vorschlägt, wird man oft gefragt, ob es wenigstens komisch ist oder gesungen wird. Ich habe mit dem Komischen kein Problem, auch „Godot" ist komisch, Dario Fo hat politische Inhalte nur über das Lachen vermittelt. Die Angst, das Publikum vor den Kopf zu stoßen, dominiert derzeit viele Spielpläne. Stückaufträge werden mit dem Hinweis vergeben, dass es lustig sein soll, neue Stücke werden zwar uraufgeführt, aber kaum nachgespielt.

Sie waren zwischen 1999 und 2012 Schauspieldirektor des Tiroler Landestheaters. Als Sie das Haus verließen, ortete der damals neue Intendant Johannes Reitmeier gerade in der Schauspiel-Sparte „Handlungsbedarf".

Rohrmoser: In 13 Jahren am Landestheater bin ich diplomatisch geworden. Die Aussage hat mich damals irritiert — und ich habe mit Reitmeier darüber gesprochen. Er dürfte sich auf die Auslastungszahlen der ersten Spielzeiten bezogen haben. Zuletzt waren die Zahlen mit den aktuellen durchaus vergleichbar.

Wie denken Sie an die Zeit am Landestheater zurück?

Rohrmoser: Es waren die 13 anstrengendsten Jahre meines Lebens. Ich musste den Job erst lernen — und habe anfangs sicher Fehler gemacht. Es war nicht einfach, das Schauspiel in Innsbruck zu positionieren. Der Fokus der Intendantin Brigitte Fassbaender lag ganz auf der Oper als Königsdisziplin. Kein Wunder, aber wie man damit umgeht, wie man das für sich nutzen kann, das musste ich lernen. Wenn ich zurückschaue, kann ich sagen, dass uns einige kühne Projekte geglückt sind. Dass manches nicht funktioniert hat, gehört dazu.

Zum Beispiel?

Rohrmoser: Es gab eine „Pension Schöller"-Inszenierung von mir, da ist jeder Witz im Großen Haus verpufft. Dieser Job kann furchtbarer sein als jede Hautkrankheit. Und er kann das Paradies sein.

Schauspieler und Regisseur dürfte im Tirol der frühen 1960er-Jahre nicht die naheliegendste Berufswahl gewesen sein.

Rohrmoser: Das Theater spielte in meiner Kindheit keine Rolle. Bis ich im Innsbrucker Kennedy-Haus eine Produktion von John Osbornes „Hier ruht George Dillon" gesehen habe. Danach war für mich klar: Das will ich machen. Ich wuchs allein bei meiner Mutter auf — und sie hätte es sicher gern gesehen, wenn ich etwas Anständiges geworden wäre. Anwalt zum Beispiel. Aber ich habe wohl ausgestrahlt, dass Widerspruch zwecklos ist.

Später haben Sie bei Lee Strasberg, dem Begründer des Method Acting, in New York studiert.

Rohrmoser: Da war ich schon Profischauspieler. Ich war in Bochum engagiert — und Strasberg bot dort einen Workshop an. Danach bewarb ich mich in New York und wurde angenommen.

Dann sind Sie ein Method Actor?

Rohrmoser: Kein dogmatischer. Wirkliche Method Actors existieren nur als Lehrer in der Schule: Es gibt Übungen, die ich immer noch mache, aber man darf sich als Schauspieler nicht zum Sklaven machen. Ist das Spielerische weg, ist es vorbei.

Die Crème de la Crème Hollywoods ging bei Strasberg in die Lehre.

Rohrmoser: Einige habe ich kennen gelernt. Einer meiner Lehrer war Coach von Al Pacino. Mit Pacino war ich öfter unterwegs. Ich ergatterte sogar eine Telefonnummer von Marlon Brando — und legte auf, als er abhob. Mit Robert De Niro und Martin Scorsese habe ich Weihnachten gefeiert.

Wie kam es denn dazu?

Rohrmoser: Ich habe mich mit einer italienischen Schauspielschülerin angefreundet, die mich zu einer Freundin mitgenommen hat — und die entpuppte sich als Isabella Rossellini. Wir haben gemeinsam gekocht. Es klingelte: Vor der Tür stand Isabellas Mutter Ingrid Bergman mit einem Geschenk in der Hand. Später kamen De Niro und Scorsese, die gerade „Raging Bull" vorbereiteten. Ich ergatterte sogar eine Statistenrolle. Wenn man genau schaut, kann man mich in einer Prügelszene erkennen.

Sie könnten Anfang Februar offiziell in Pension gehen.

Rohrmoser: Ich bin jetzt im pensionsbezugsberechtigten Alter. Aber für die kommenden Jahre bin ich noch gut gebucht. Das Blöde an der Pension ist, dass man dann nicht mehr in Urlaub gehen kann. Ich habe nie an die Pension gedacht, sondern immer nur an den Tod. Inzwischen denke ich nicht mehr an den Tod, sondern über die Pension nach.

Das Gespräch führte Joachim Leitner