Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 26.01.2018


Theater

Überschreibung als erhellendes Abenteuer

Regisseur Simon Stone ist ebenso jung wie international gefeiert. Sein „Hotel Strindberg“ hat heute im Akademietheater Premiere. Ein Porträt.

© APA/BARBARA GINDL2015 wurde der 1984 geborene Simon Stone für „John Gabriel Borkman“ mit dem Nestroy als bester Regisseur ausgezeichnet.



Wien – Kein Geringerer als Geoffrey Rush, australischer Schauspieler und Oscar-Preisträger („Shine“, „The King’s Speech“), meinte über Simon Stone, in dessen Kino-Debüt „The Daughter“ er eine der Hauptrollen verkörpert: „Er ist ein Klassiker, aber frisch und lebendig.“ Stones Film, der einer US-amerikanischen Besprechung zufolge eine Verwandtschaft mit der Filmsprache seiner Landsmännin Jane Campion aufweist, ist die in Celluloid übersetzte theatrale Beschäftigung mit Henrik Ibsens Drama „Die Wildente“, das er, zerlegt und neu zusammengebaut, in Sydney mit durchschlagendem Erfolg in die Gegenwart überführt hat.

Seine Methode, große Theaterstoffe von Shakespeare, Tschechow oder eben Ibsen in einer Art analytischer Überschreibung heutig lesbar zu gestalten, machen ihn, dem in seiner Heimat gerne die Bezeichnung „Enfant terrible des Theaters“ umgehängt wird, zum inzwischen international begehrten und vielfach ausgezeichneten Regisseur.

Im Vorjahr sorge er mit seiner ersten Opernarbeit, Aribert Reimanns „Lear“, für einen der Höhepunkte bei den Salzburger Festspielen. Heute Freitag hat „Hotel Strindberg“, eine Variation der „Kammerstücke“ des schwedischen Realisten, am Wiener Akademietheater seine Uraufführung, als Koproduktion mit dem Theater Basel, das ihm als Hausregisseur zwischen 2015 und 2017 bedeutende Inszenierungen verdankt.

In Basel wurde Stone 1984 auch geboren, bevor er mit seinen Eltern, beide Naturwissenschafter, nach Großbritannien und schließlich ins australische Melbourne zog. Als Schüler nach eigenem Bekunden ein Versager, las er sich systematisch unter anderem durch Shakespeares Werk und entdeckte den Film als elementares Lebensmittel. Stone wird Schauspieler, „einer“, so die ironische Selbsteinschätzung, „der gut darin ist, hölzern zu sein“, erfindet sich als Autor-Regisseur neu und gründet die Gruppe „The Hayloft Project“, die bald den Ruf genießt, das Theater umzukrempeln.

Zweifel an der Kraft des Sprechtheaters scheint der besessene „Bühnenarbeiter“ nicht zu hegen, und der vehemente Zuspruch, auch und gerade eines jungen Publikums, zu seiner Form, Schauspiel anders zu denken, gibt ihm durchaus Recht. Dagegen, dass Simon Stone sich selbst als „Retter des Theaters“ sieht, wie von der Kritik enthusiastisch tituliert, und sich auf den frühen Lorbeeren ausruht, feit ihn der Anspruch an sich selbst. Die Bühne bleibt ein Experimentierfeld, auf dem er auch künftig, wie er der es einmal nannte, das „komplizierte Fleisch des Lebens“ erforschen wird. (lietz)