Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 05.02.2018


Bühne

„Der Konsul“ am Landestheater: “Wir sind so weit“

Erstmals am Tiroler Landestheater, bewegend in der Aktualität und eindrucksvoll in der Aufführungsqualität: Gian Carlo Menottis „Der Konsul“.

© Magda Sorel (Susanna von der Burg, Mitte) dem Zusammenbruch nahe. Mit ihr warten Anna (Judith Spiesser, links) und Vera (Camilla Lehmeier). Darüber unerbittlich die Sekretärin.Foto: TLT/Larl



Von Ursula Strohal

Innsbruck – „Sind wir so weit, dass der, der als ein Fremder ward geboren, für alle Zeiten ein Fremder bleibt im Land, dass niemand Schutz ihm gewährt in der Verfolgung. Wir sind so weit.“ Magda Sorel begreift beim endlosen Warten auf ein Visum, dass auch das ersehnte Land kein humanes Paradies, sondern eines ist, wo „kein Schiff, kein Ufer mehr Ertrunk’ne birgt“. Sie ist die Frau von John Sorel, der im Diktatur-Regime einer Widerstandsgruppe angehört und von der Geheimpolizei gejagt wird. John flieht, Magda und das neugeborene Kind sollen mittels Visum folgen. Eine Familie im Untergang.

Ein bewegendes, erschreckend zeitloses Stück, geschrieben als allgemeine Anklage gegen Willkür und Unterdrückung, als spezielles Mittel dient scharfe Kritik an unmenschlicher Bürokratie zum Schutz abgehobener Macht. Es trifft gegenwärtig auf ein einschlägig sensibilisiertes Publikum. Nicht jeder hält – aus verschiedener Perspektive – Menottis vehement einwirkende Oper aus, seit in diesen Zeiten Menschen hinter Zäunen, das Bild ungeretteter Ertrunkener keine Metaphern mehr sind. „Der Konsul“ wurde zu einer ungemein dichten, geschlossenen, ensemblestarken Aufführung und ein Premierenerfolg.

Gian Carlo Menotti (1911–2007), Italiener in Amerika, der seine Opern selbst textete, wurde nachgesagt, seine Erfolge durch realitätsnahe Thematik zu erzielen. Das beinhaltete die Ablehnung seiner Musik in Europa, als ab Mitte des 20. Jahrhunderts seriell komponiert wurde. Menotti hat sich an keine Moden angehängt, gehörte aber nicht zu den ewig Gestrigen. Er verstand sich als Traditionalist mit der Pflicht, vom Publikum verstanden zu werden. Als man hierzulande wieder wagte, Melodien und hin und wieder tonale Harmonien zu schreiben, als die Gesangslinie nicht mehr instrumental geführt sein musste, war Menotti kein Vorreiter, sondern schon immer dort, und sein Konservativismus ein relativer. Denn es sind durchaus ungewohnte bis progressive Techniken bei ihm zu finden, neue theatralische Möglichkeiten, mit denen er Szenen inhaltlich schärfte und Charaktere vertiefte.

Uwe Sandner als musikalischer Leiter und Regisseur René Zisterer geben sich einig in einer umweglosen, weder überhöhten noch verfremdenden Nutzung des eminenten musikdramatischen Gespürs Menottis. Sandner hat in der kleinen, bei Bedarf durchschlagkräftigen Orchesterbesetzung samt wichtigem Klavier großartige Musiker, die er sicher durch die im Lyrischen, Angstbesetzten wie Hochemotionalen reich spiegelnde Musik führt. Die flexible Rezitativtechnik wird nur im ersten Akt lautstärkenmäßig bedrängt, die relative Nähe zu Puccini (Menotti lehnte das ab) und unverkennbar Strauss nicht unterdrückt. Die Zwischenspiele schaffen Denkräume.

René Zisterer bleibt auch in dieser Inszenierung ganz im Stück, Michael D. Zimmermanns Kostüme sind zeitnah charakterisierend, alles andere wäre kontraproduktiv. Agnes Hasun baute zwei kantige, schief versetzte Rahmen um die Szenen, eine alte Küche und die einschüchternde Marmorarchitektur des Konsulats. Stiegen bedeuten Gefahr: Hinunter steigt die Geheimpolizei in die Armut der Sorels, hinauf schafft es niemand, zum unerreichbaren Konsul. In diesen eindrucksvollen Bildern führt Zisterer die Menschen nachvollziehbar in ihr Elend. Durch Verstärkung, etwa wenn der Geheimagent mit der Wiege spielt, in die Magda Verräterisches versteckt hat, intensiviert er die Gefahr.

Susanna von der Burg durchlebt und singt die Magda in allen Emotionsfarben prachtvoll bis zur Selbstaufgabe und sehr textdeutlich; das frühe 20. Jahrhundert steht ihr jetzt einfach gut. Großartig in ihrem differenzierten Stimmeinsatz und heiklen Spiel Jennifer Maines als Sekretärin mit zwei Seelen in der Brust. Eine Qualität für sich Anna Maria Dur, die in diesem Theater als betagte Mutter nicht aus der Küche kommt. Im Konsulat kämpfen, bestens besetzt, um ihre Visa der tragikomische Zauberer des Dale Albright, Felicitas Fuchs-Wittekindt (Italienerin), Unnsteinn Arnason (Mr. Kofler), Judith Spiesser (Anna Gomez) und Camilla Lehmeier (Vera Boronel). Glaubhaft im politischen Kampf Alec Avedissians John Sorel, Johannes Maria Wimmers Geheimpolizist und Joachim Seipps Assan.