Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 05.02.2018


Exklusiv

Thomas Stipsits: Man kann ja nicht immer nur nett sein

Publikumsliebling Thomas Stipsits versucht sich als Ungustl. Den liebenswerten Tollpatsch hat er lang genug gespielt.

© ORF„Ich lebe meinen Jugendtraum“, sagt Thomas Stipsits, der als Kabarettist, Schauspieler und neuerdings auch als Buchautor gut im Geschäft ist.Foto: Pertramer



Von Christiane Fasching

Innsbruck – Thomas Stipsits trägt neuerdings Schmuddel-Look und Zottelbart und ein grantiges G’schau spazieren. Dabei kennt man den 34-jährigen Obersteirer mit Stinatzer Wurzeln doch eigentlich als Sonnenschein. Aber die optische Rundum-Erneuerung ist nichts weiter als ein Ganzkörperkostüm für Stipsits’ neueste Rolle: In der Verfilmung von Daniel Glattauers märchenhaftem Roman „Geschenkt“ wird der schauspielernde Kabarettist zu Gerold Plassek, einem demotivierten Boulevard-Journalisten mit latentem Alkoholproblem, der die Welt fast noch mehr hasst als seinen Job. Doch dann gibt nicht nur ein 14-jähriger Bub („Tschick“-Hauptdarsteller Tristan Göbel) seinem öden Leben einen neuen Twist, sondern es nimmt auch ein mysteriöser Wohltäter Plasseks Artikel zum Anlass, um Geldspenden zu hinterlassen – und weckt damit den journalistischen Ehrgeiz des Gratisblatt-Zombies.

Als „Geschenkt“ im Sommer 2014 erschien, wurde Glattauers Roman in einer Falter-Rezension als „ideale Vorlage für eine TV-Verfilmung“ bewertet. „Fragt sich nur, wer den Plassek spielen soll? Josef Hader würde das Zerknautschte hinbekommen und sich altersmäßig vielleicht gerade noch ausgehen“, hieß es damals. Dass aus Hader nun Stipsits geworden ist, hat mit den Zeichen der Zeit zu tun. „Die Falter-Kritik war prophetisch: Denn tatsächlich hätte wirklich der Josef die Rolle kriegen sollen, aber glücklicherweise war er dann doch ein paar Jährchen zu alt. Da bin dann ich ins Spiel gekommen“, verrät Stipsits der TT. Und kekst sich über die Gnade des Alters ab.

Die Rolle des grantigen Schluckspechts sieht er aber auch ganz ernsthaft als Geschenk. „Ich hab’ in der Vergangenheit oft liebenswert-patscherte Charaktere gespielt, die recht nah an mir selber waren. Dieses Mal ist das nicht der Fall – und das taugt mir. Es macht unheimlich viel Spaß, jemanden zu spielen, der streckenweise richtig unsympathisch ist und mit einem gehörigen Blues durchs Leben geht“, erzählt Stipsits, der seinerseits keinen Grund zum Sudern hat. Beruflich läuft’s besser denn je: Seit Kurzem gehört der verhinderte Religionspädagoge, der in seiner Jugend kurz auch einmal eine Karriere als Profi-Fußballer ins Auge gefasst hatte, nämlich auch zum Cast der „Vorstadtweiber“: In Staffel drei spielt er den schwulen Scheidungsanwalt Dr. Rudi Bragana, der Georg (Juergen Maurer) bei der Trennung von Maria (Gerti Drassl) unter die Arme greift. Wobei er ihm eigentlich noch viel lieber auf den Hintern greifen würde. Was ist der Advokat für ein Typ? „Beruflich ist er beinhart, aber privat ist er eigentlich die männliche Version von Mari­a: Er bemuttert und betüdelt den Georg und würd’ ihn am liebsten den ganzen Tag mit Malakoff-Torte füttern“, lacht Stipsits, der für die Vorbereitung auf die Rolle regelmäßig mit Gerti Drassl ins Bett ging. Im übertragenen Sinn.

„Die Gerti war so lieb, mir die Szenen, die ich zu drehen hatte, so vorzuspielen, wie sie sie sich vorstellte. Das hab’ ich alles aufgenommen und eine Zeit lang zum Einschlafen angehört“, gesteht der Ehemann von Katharina Straßer, die kein Problem mit dieser beruflichen Affäre hatte. Übrigens: Die Tirolerin wäre dereinst fast selbst zum Vorstadtweib geworden, weil Straßer beim Drehstart der ersten Staffel aber mit dem bald vierjährigen Emil schwanger war, wurde es nichts aus dem Engagement. Im Hause Stipsits-Straßer waren die „Vorstadtweiber“ trotzdem stets gern gesehene Gäste. „Ich bin über die Kathi reingekippt und war dann fanatischer als sie. Aber das war schon bei den ‚Desperate Housewives‘ so. Da hab’ ich zuerst meiner damaligen Freundin zuliebe mitgeschaut und war irgendwann derjenige, der alle Staffeln auf DVD hatte“, erzählt der Vorstadtweiberich, der sich trotz florierender Fernseh- Engagements auch immer Zeit fürs Kabarett nimmt.

Ab 13. Februar tourt er mit seinem Solo-Best-of-Programm „Stinatzer Delikatessen“ durch die Lande, parallel dazu finalisiert er die „Gott & Söhne“-Tour mit Manuel Rubey, mit dem er die vergangenen sieben Jahre auf der Bühne stand. Dass die beiden, die für ihr Debüt „Triest“ 2012 mit dem Österreichischen Kabarettpreis ausgezeichnet wurden, nun eine Pause einlegen, findet Stipsits wichtig. „Hätten wir jetzt noch ein drittes Programm hinterhergeschossen, wäre die Gefahr groß gewesen, dass wir uns wiederholen. Es ist ganz gut, wenn wir beide mal allein durchschnaufen – damit wir in drei, vier Jahren wieder mit neuer Energie was Gemeinsames machen können“, sagt Stipsits, der zuletzt auch unter die Buchautoren gegangen ist. „Das Glück hat einen Vogel“ nennt sich seine heiter-herzige Kurzgeschichten-Sammlung, die offenbart, wie der Wahl-Wiener tickt: Er glaubt ans Gute und daran, dass ein sonniger Moment etwaige Daseins-Schatten hinwegfegen kann. Dass in seinem beruflichen wie privaten Leben gerade wie verrückt die Sonne scheint, hält er für ein großes Geschenk. „Das mag kitschig klingen: Aber ich lebe meinen Jugendtraum. Dafür bin ich unendlich dankbar“, sagt er mit einer Ergriffenheit in der Stimme, die einen richtig glücklich macht.

Thomas Stipsits im ORF-Dauereinsatz

Stadtkomödie: In St. Pölten steht Thomas Stipsits gerade für die neue ORF-Stadtkomödie „Geschenkt“ vor der Kamera. Regie bei der Verfilmung von Daniel Glattauers Roman „Geschenkt“ führt Andreas Prochaskas Sohn Daniel. An der Seite von Stipsits spielen Julia Koschitz und Tristan Göbel. Ausstrahlung: 2019.

Vorstadtweiber: Bei der dritten Staffel der „Vorstadtweiber“ (immer montags, 20.15 Uhr) verkörpert Stipsits neuerdings den schwulen Scheidungsanwalt Dr. Rudi Bragana, der Georg (Juergen Maurer) bei seiner Trennung von Maria (Gerti Drassl) tatkräftig unter die Arme und auf den Hintern greift.

Tatort: Im Mai steht Stipsits erneut im Austro-„Tatort“ als Kieberer Manfred Schimpf neben Adele Neuhauser und Harald Krassnitzer vor der Kamera.