Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 14.04.2018


Bühne

Eine vielgestaltige Emma im Püppchen-Heim

Psychogramm einer Verlorenen: Anna Bergmann bringt Gustave Flauberts Roman „Madame Bovary“ auf die Bühne der Josefstadt.

Verstörend schön: Maria Köstlinger, Therese Lohner, Bea Brocks und Silvia Meisterle (v. l.) als vierfache Emma Bovary und Christian Nickel als Rodolphe.

© APAVerstörend schön: Maria Köstlinger, Therese Lohner, Bea Brocks und Silvia Meisterle (v. l.) als vierfache Emma Bovary und Christian Nickel als Rodolphe.



Von Bernadette Lietzow

Wien – Düsternis in Dunkelgrün und das verträumte Klavierspiel einer Frau in schwarzem Kleid mit an Schneeflocken erinnernder Musterung lassen die Besucher des Theaters in der Josefstadt in die Welt der „Madame Bovary“ eintauchen. Noch schweigt sie, ist ihr erster Liebhaber Rodolphe (Christian Nickel) als wissender Erzähler am Wort, hat man Anteil an der aufrichtigen wie naiven Zuneigung des Ehemannes und braven Landarztes Charles (Roman Schmelzer) zu diesem weiblichen Kleinod, das sein Haus schmückt.

Nacheinander öffnen sich Luken, die Emmas Leben charakterisieren: In einer ist die Bibliothek der romantischen Flucht-Leserin auszumachen, eine andere hat die Form eines Bügelbrettes, Memento einer Hausfrau wider Willen.

Die Klavierspielerin (Maria Köstlinger) hat vier Sekundantinnen, zu fünft bilden sie die Persönlichkeit der Emma Bovary, quer durch die Lebensalter, vom Kind bis zur Greisin – die Emma nie wurde. Sie vergiftet sich, kaum älter als dreißig.

Für Anna Bergmann, designierte Schauspielchefin des Staatstheaters Karlsruhe und mit der Ansage, den ersten Spielplan ausschließlich mit Regisseurinnen zu bestreiten, gerade heftig in Diskussionen verstrickt, ist die Aufspaltung auf fünf Darstellerinnen notwendig zur Illustration von Emmas komplexer Innenwelt, die für sie durchaus pathologische Züge trägt. Bea Brocks, Therese Lohner, Silvia Meisterle und Ulli Fessl ergänzen die imponierende Haupt-Emma der Maria Köstlinger mit Hochdruck, verletzen sich willentlich, sind leidenschaftlich, gelangweilt und rastlos in der Suche nach dem Glück.

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Das Töchterchen Berthe (eine berührend lebhafte Puppe, exzellent geführt und gesprochen von Suse Wächter) überfordert, die Affäre mit Rodolphe endet abscheulich, ihr Kaufrausch zeitigt fatale Folgen, eine schwere Erkrankung mündet kurzfristig in eine Art Heiligenleben. Bildgewaltig und ästhetisch auf die Entstehungszeit von Gustave Flauberts 1857 erschienenem Roman verweisend, zeigt sich der erste Abschnitt des dreistündigen Unternehmens, der ein zum Teil sichtlich angestrengtes Publikum in die Pause entlässt.

Auch danach ist für Unruhe gesorgt, Kostüme und ein Elektroboard, mit dem der junge Liebhaber Léon (Meo Wulf) Emma begehrend umkreist, zielen auf ein Heute ab. Madame Bovarys Luftballons bringt der schmierige Kaufmann Lheureux (Siegfried Walther) mit seinen Wechselforderungen zum Platzen. Eine wilde Walpurgisnacht, Masken, Latex und Getöse illustrieren Emmas Aufbäumen vor dem Schritt in den Tod. Ein verstörend schöner Abend.