Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 21.04.2018


Tiroler Landestheater

Kleine Lügen, große Katastrophen in den Kammerspielen

Ruhe ist kein Garant für gutes Miteinander: Die Nestroy-Preisträgerin Susanne Schmelcher inszeniert „Die Ungeduld des Herzens“ in den Kammerspielen.

© Janine Wegener, Yael Hahn und Marion Fuhs in der Zweig-Bearbeitung „Die Ungeduld des Herzens“. Ab Sonntag in den Kammerspielen.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Die deutsche Regisseurin Susanne Schmelcher ist am Tiroler Landestheater gewissermaßen die Frau für die weltliterarisch gewichtigen Stoffe. Ihre Inszenierung von „Anna Karenina“ wurde 2015 mit dem Nestroy als beste Bundesländerproduktion prämiert. In der vergangenen Spielzeit stemmte sie Shakes­peares „Der Sturm“ auf die Bühne des Großen Hauses.

Am Sonntag „Die Ungeduld des Herzens“ hat die jüngste Regiearbeit der 33-Jährigen in den Kammerspielen Premiere. Der Bühnenfassung von Thomas Jonigk liegt Stefan Zweigs gleichnamiger Roman zu Grunde. Auch nicht gerade ein literarisches Leichtgewicht. Aber gerade deshalb auch kein Anlass für „falsche Ehrfurcht“, wie Schmelcher im TT-Gespräch erzählt. „Gerade ein Stoff, der sich bereits erprobt hat, bietet in der Bearbeitung große Freiheit, er bietet einem viel an, das man erzählen kann – und überlässt einem doch die Wahl der Mittel, wie man erzählt“, so die Regisseurin. Schließlich gehe es nicht darum, den Roman auf Punkt und Komma nach- oder auszustellen, sondern darum, dessen zentrale Themen erfahrbar zu machen. Und die, davon ist Schmelcher überzeugt, seien unverändert relevant.

„Die Ungeduld des Herzens“ entstand in den 1930er-Jahren. Die Handlung ist in den Anfangsjahren des Ersten Weltkriegs angesiedelt – und verhandelt private Verwerfungen vor dem Hintergrund einer globalen Katastrophe Dass Zweig während der Niederschrift die Sorge vor einem neuerlichen Weltenbrand umtrieb, kann in den etwa zeitgleich entstandenen Essays des Schriftstellers nachgelesen werden. Auszüg­e aus diesen haben Susanne Schmelcher und ihre Dramaturgin Romana Lautner denn auch in ihre Spielfassung eingearbeitet. „Zweig geht es um Europa“, erklärt Schmelcher. „Die Ungeduld des Herzens“ führe vor, was passiert, „wenn Egoismen und das Primat wirtschaftlichen Denkens den gemeinschaftlichen Grundgedanken einer Gesellschaft zersetzen. Das ist fast erschreckend heutig: Alle Figuren haben sich bequem eingerichtet in einem Gebäude aus großen und kleinen Lügen – und merken gar nicht, dass diese Ruhe kein Garant ist für gutes Miteinander. Im Gegenteil.“