Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 22.04.2018


Wien

“Der Rüssel“: Alpine Safari im dunklen Österreich

Absurd und hellseherisch: Wolfgang Bauers Groteske „Der Rüssel“ am Wiener Akademietheater.

© Reinhard WernerEine „afrikanische“ Hochzeit im Zottellook: Wolfgang Bauers Stück „Der Rüssel“ läuft seit Freitag am Akademietheater. Foto: Reinhard Werner



Von Bernadette Lietzow

Wien – Ein Elefant, schaumgeboren aus einem tosenden Wildbach, steckt im Herrgottswinkel, das biedere Alpenvolk versucht, das neue, heiße Leben unter Palmen gewinnbringend zu vermarkten, eine katholisch-afrikanische Hochzeit mündet in Demütigungsritualen und am Ende hat alles (scheinbar!) wieder seine gute Bergdorf-Ordnung.

Am Akademietheater feierte am vergangenen Freitag ein Zufallsfund seine Uraufführung: Wolfgang Bauers „Der Rüssel“, 1962 verfasst und bis vor drei Jahren verschollen geglaubt (die TT berichtete), eine „Tragödie in elf Bildern“, die Anklänge an Ionescos Theater des Absurden mit der Form eines Volksstückes zu einer grotesken Parabel verbindet.

Christian Stückl, der aus Oberammergau stammende Regisseur mit ganz spezieller Handschrift, die er unter anderem höchst erfolgreich dem Salzburger „Jedermann“ angedeihen ließ, besann sich wohl seines erlernten Berufes des Holzbildhauers und hat kräftig an der Vorlage des steirischen Dichters geschnitzt. Das Ergebnis dieser formenden Eingriffe und Straffungen ist zwei Stunden herzhaftes Vergnügen, frei von Pathos und, abseits des Merkel-Zitates „Wir schaffen das“, ebenso frei von plattem Gegenwartsbezug.

In diese Falle hätten Bauers Themen – Klimaveränderung, das in die „Heimat“ eindringende „Fremde“, Turbokapitalismus – führen können. Stückl und seine Darsteller schwören sich jedoch mit großer Lust auf eine Art absurde, hochkomische Mystizismus-Sause ein, an der wahrscheinlich auch der Autor seinen Spaß gehabt hätte.

Und so blitzt und donnert es heftig, wenn sich die Sintflut ankündigt, die felsige Bergidylle sich in einen feucht-heißen Dschungel verwandelt und ein riesiger Bühnen-Elefant die kleine Guckkasten-Stube der Familie Tilo fast zum Einsturz bringt. Die sechs Herren der Gesangskapelle Herrmann konturieren das Geschehen mit Beiträgen zwischen Jodler und afrikanischem Liedgut. Sie tragen allesamt rotes Haar, wie die ganze Dorfgemeinschaft. Großvater Tilo (Branko Samarovski), der verschlagene und mit gesichtsbedeckendem Schlagrahm Jugendlichkeit vortäuschende Altbauer, seine wendige Frau Heloise (Barbara Petritsch), der bigotte Kaplan Wolkenflug (Markus Meyer), der gierige Bürgermeister Trauerstrauch (Falk Rockstroh) oder der gerissene Kolonialwarenhändler Kuckuck (Peter Mati), sie alle trachten danach, Vorteile aus der „Treibhaus“-Situation zu ziehen.

Tilo-Enkel Florian (Sebastian Wendelin), Afrika-besessener Geburtshelfer des Dickhäuters und Kurzzeit-Despot, hat das Zeug zum Propheten und muss dementsprechend am Kreuz enden. Stefanie Dvorak gibt die Frau an seiner Seite, die aufrechte, Bananenkisten schleppende Anna Kellerbirn, die im Gegensatz zu ihren Mitstreitern wenig Freude am sehr bunten, sehr abstrusen Tropenoutfit an den Tag legt. Der Reporter (Dirk Nocker) und Florians Brüder im Zwergen-Kostüm (Simon Jensen, Christoph Radakovits) vervollständigen das äußerst spielfreudige Ensemble. Großer Beifall.