Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 23.04.2018


Landestheater

Ein halblustiger Wahnsinn

Die Komödie „Der nackte Wahnsinn“ am Landestheater: Die Schauspieler reiben sich auf, doch der Funke springt nicht recht über. Das Stück ist zu klein für das Große Haus.

© Larl„Der nackte Wahnsinn“ zeigt ein zerstrittenes Theaterensemble bei der Arbeit. Hoffentlich geht es im echten Leben nicht ganz so chaotisch zu. Von links: Ulrike Lasta (als Belinda), Ronja Forcher (Brooke), Johannes Gabl (Freddy), Antje Weiser (verdeckt sitzend, als Dotty), Andreas Wobig (als Regisseur Lloyd) und der waghalsige Raphael Kübler (Garry). Foto: Larl/TLT



Von Markus Schramek

Innsbruck – Autsch! Das muss wehgehtan haben. Eben hat sich Schauspieler Raphael Kübler in seiner Rolle als Garry die Treppe hinuntergestürzt. Manche Zuseher quittieren die halsbrecherische Einlage mit Szenenapplaus – ein Hauch von Jahrmarktstimmung kommt auf. Wir befinden uns aber nicht vor einer Schaubude, sondern im Tiroler Landestheater (TLT). Dort ging am Samstag die Premiere von „Der nackte Wahnsinn“ über die Bühne.

Regisseur Philipp Jescheck hat die Textvorlage des Briten Michael Frayn für das Große Haus des Landestheaters inszeniert. Und dorthin passt diese Klamauk-Komödie wie die berühmte Faust aufs Auge: Schmerz verursachend und am besten gar nicht. Auf Kleinbühnen oder bei locker-flockigen Freiluftfestivals im Sommer wäre solch heiteres Bühnentreiben ohne viel Tiefgang besser aufgehoben.

Der Inhalt des „nackten Wahnsinns“ ist rasch erzählt: Wir schauen einer Theatertruppe über die Schulter, die sich abmüht, ein Stück einzuüben. Die TLT-Schauspieler spielen also Berufskollegen. In jedem Akt ist dieselbe Stelle des Stücks zu sehen.

Im ersten Akt ist Generalprobe. Für Akt 2 wird die Bühne gedreht. Die Zuseher werden zu Beobachtern des Geschehens hinter der Bühne. Das dargestellte Ensemble ist da schon heillos zerstritten. Warum, das können wir nur erahnen. Liebschaften querbeet, Eifersucht und Alkohol spielen eine Rolle.

Akt 3, wieder von vorne, zeigt die letzte Aufführung. Jetzt streiten die Schauspieler schon auf offener Bühne. Diese fällt allmählich auseinander. Requisiten sind unauffindbar, Auftritte werden verpasst und Frustattacken mit Whisky hinuntergespült.

Neun TLT-Darsteller bemühen sich nach Kräften, um diesen Plot über mehr als zwei Theaterstunden komisch herüberzubringen. Sie entwickeln viel Tempo und ein ständiges Gewusel: Abgang, Auftritt, Tür auf, Tür zu. Und wo sind die Requisiten schon wieder? Gerne würde man den dafür nötigen schauspielerischen Einsatz mit befreitem Gelächter belohnen. Doch das Geschehen bleibt bestenfalls halblustig.

In all dem (geplanten) Chaos wird es schwer, einzelne Akteure im Blick zu behalten. Andreas Wobig schlägt sich wacker in der Rolle von Theaterregisseur Lloyd. Er gibt den zynischen, abgetakelten Altmeister, der seine Truppe diktatorisch antreibt. Genierer kennt er nicht, selbst wenn es darum geht, ihm zufliegende Herzen des weiblichen Bühnenpersonals zu brechen.

Johannes Gabl als Freddy, der auf jede Eskalation, und davon gibt es reichlich, mit Nasenbluten reagiert, offenbart komödiantisches Potenzial. Dies gilt auch für Antje Weiser in der Rolle der mürrischen Haushälterin. Vielleicht hätte man sich darstellerisch aber mehr an Michael Arnold orientieren sollen. Der altgediente Theatermime tritt als Einbrecher in Erscheinung. Er lässt sich von übertriebener Hektik nicht anstecken. Ihm gelingen wirklich komische Momente, selbst wenn es nur darum geht, den Text vergessen zu haben.

Immerhin recht witzig anzusehen ist einer der wiederkehrenden Gags des Stücks: Weil Schauspielerin Brooke (gespielt von Ronja Forcher) in den unmöglichsten Momenten ihre Kontaktlinsen verliert, muss das ganze Ensemble suchenderweise auf dem Boden herumkriechen

Apropos Ronja Forcher: Ihre Rolle ist, recht klischeehaft, angesiedelt zwischen naivem Püppchen und Männer-Vamp mit blonder Perücke. Warum die junge Frau dafür aber fast das ganze Stück lang in Unterwäsche über die Bühne tapst, bleibt ein Rätsel.

Fazit: Dem schon an vielen Abenden bewährten TLT-Ensemble sind Vorgaben zu wünschen, mit denen es besser gelingt, Charaktere herauszuarbeiten. Dauer-Klamauk drängt Schauspielkunst in den Hintergrund. Und Herrn Kübler ist zu wünschen, dass er die restliche Spielzeit des „nackten Wahnsinns“ verletzungsfrei übersteht.