Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 23.04.2018


Westbahntheater

“Die geliebte Stimme“: Beziehungs-Ende am Telefon

Das Westbahntheater zeigt das Stück „Die geliebte Stimme“ von Jean Cocteau.

© WestbahntheaterSchwankend zwischen Euphorie und Verzweiflung. Eleonore Bürcher in Jean Cocteaus Theaterstück "Die geliebte Stimme".



Von Gerlinde Tamerl

Innsbruck – Eine ältere Dame im edlen Seidenpyjama räkelt sich zwischen roten Kissen. Die Stille wird vom schrillen Läuten eines Telefons, das mitten im Bett steht, durchbrochen. Die Frau stürzt zum Hörer, eine telefonisch ausgetragene Beziehungskrise nimmt ihren Anfang. Es ist das letzte Gespräch mit dem Geliebten vor der Trennung.

So beginnt das einstündige Theaterstück „La voix humane“, im Deutschen etwas verfälschend mit „Die geliebte Stimme“ übersetzt. Das Stück des französischen Schriftstellers und Malers Jean Cocteau (1889–1963) feierte am Samstag im Westbahntheater Premiere. Cocteau schuf damit den ersten Telefon-Monolog des europäischen Theaters.

Die verlassene Dame, souverän gespielt von Eleonore Bürcher, oszilliert im Gespräch mit dem Geliebten zwischen Euphorie und Verzweiflung. Sie erzählt von schönen Tagen, riecht an seinen Handschuhen und kippt dann wieder, zermürbt von innerer Leere, in große Verzweiflung. Der Tonfall wird sachlich, wenn es um die Unterbringung des gemeinsamen Hundes geht, doch die Stimmung wird sofort wieder getrübt bei dem Gedanken an die Beseitigung der gemeinsamen Liebesbriefe.

Leider ermüdet der Beziehungsmonolog. An Schauspielerin Eleonore Bürcher lag es gewiss nicht. Sie spielte die Verlassene authentisch, mit richtig dosiertem Pathos. Allerdings haben sich in den fast neunzig Jahren, seitdem das Stück uraufgeführt wurde, zwei Dinge verändert.

Erstens stößt man sich am gesellschaftlichen Klischee: Eine Frau wird von ihrem Mann verlassen, womöglich wegen einer Jüngeren. Das mag heute noch vorkommen, mit einem Unterschied: Für diese Frau führt die Trennung in einen existenziellen Abgrund, denn ihr einziger Lebensinhalt bestand darin, diesen Mann zu lieben. Viel interessanter wäre doch die Neuinszenierung des Stücks geworden, wenn sich Regisseur Elmar Drexel nicht an das Original gehalten und einen Rollentausch vorgenommen hätte. Die männliche Perspektive auf das Verlassenwerden wäre entdeckenswertes Neuland gewesen.

Zweitens: Die Omnipräsenz des Handys führt dazu, dass es heute so alltäglich wie unangenehm ist, Beziehungsmonologen zu lauschen. Durch die Erfindung des Mobilfunks hat das Theaterstück viel von der ursprünglichen Originalität eingebüßt. Was nicht heißt, dass Trennungsgeschichten an Aktualität verloren haben. Nur lässt Cocteaus Werk für heutige (Mit-)Hörer und Zuschauer einen Erkenntnisgewinn vermissen.