Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 04.05.2018


Bühne

Umkehr am Tor zur Hölle

Sehenswertes Theater mit zwei Schauspielern in großer Form: Felix Mitterers Beziehungsdrama „Mein Ungeheuer“ in Uderns.

© Alexander KneuckerZweierbeziehung am Rande des Wahnsinns. Martin Leutgeb und Susanne Altschul glänzen in Felix Mitterers Stück „Mein Ungeheuer“.Foto: Alexander Kneucker



Von Markus Schramek

Uderns – Es ist die Hölle auf Erden und noch weit darüber hinaus. Ein Ehepaar, Mann und Frau, mit tiefen seelischen Narben seit Kindheitstagen. Sie können gar nicht anders, als einander wehzutun, psychisch und physisch. Ein Nebeneinander ohne Gemeinsamkeiten, mit viel Gebrüll, Gleichgültigkeit und Gewalt. Verarmtes bäuerliches Kleinhäuslertum zur Zeit der Weltkriege. Kreuzbraves Niederknien auf der Kirchenbank, abgrundtiefer Hass daheim auf dem Sofa.

Felix Mitterer, allseits herumgereichter Neo-70er, hat in „Mein Ungeheuer“ auch viel Autobiografisches verpackt. Am Mittwochabend feierte das im Jahr 2000 uraufgeführte Theaterstück Premiere im Steudltenn in Uderns (Regie: Hakon Hirzenberger).

Susanne Altschul in der Rolle der Rosa und Martin Leutgeb als der ihr angetraute Trunkenbold Hansi Zach liefern eine atemberaubende Vorstellung. Das ist keine Übertreibung. Denn eine Zuseherin wird dermaßen vom Geschehen auf der Bühne überwältigt, dass sie nach Luft ringt. Eine spontane Pause sowie etwas Wasserzufuhr helfen: Gottlob erholt sich die Dame rasch. Rosa und Hansi setzen die wechselseitige Abrechnung fort. Denn nicht einmal der Tod vermochte das eheliche Elend der beiden zu beenden. Rosa hatte tatenlos zugesehen, wie Hansi, sturzbesoffen und mit brennendem Tschick in der Hand, schlafend auf dem Divan Feuer fing und verbrannte.

Doch Hansi ist mit dieser Welt noch nicht fertig. Als Geist kommt er zurück: gewandet im besten Anzug (schließlich ist er definitionsgemäß ja eine Leich’), aber doch sehr lebhaft und polternd wie immer. Sofort geht das Martyrium in die Verlängerung. Der stets lüsterne Tunichtgut, ein selbstgerechter Falott, rückt der Frau auf die Pelle. Seinen Sarg hält Hansi immer griffbereit. Kann ja sein, dass er sich wieder einmal schnell aus dem Staub machen muss, wie schon so oft im Leben vor dem Tod.

Leutgeb ist Hansis Rolle auf den Leib geschneidert: diabolisch sein Grinsen, höhnisch das Gelächter, lautstark und brachial die ganze Erscheinung. Seine Botschaft: Hier steht ein ganzer Kerl! Dabei ist er nur ein Kerlchen. Zurückweisungen packt er gar nicht, darauf reagiert er verängstigt wie ein kleines Kind.

Altschul als Rosa bildet dazu den perfekten Kontrapunkt: versunken im Sofa, verbittert, noch immer vom besseren Leben träumend, befreit von der Last eines Tyrannenmannes, den sie einmal ganz attraktiv gefunden hat – damals, vor langer Zeit, beim körperlichen Austausch unter dem Tanzboden. Dann aber kamen die Schläge, der Suff und drei Mädchen, die die Geburt nicht überlebten. Einzig eine Puppe gemahnt noch an sie.

Es ist ein beklemmend-faszinierendes Schauspiel mit Abgründen unermesslich tief. Doch menschliches Treiben hat immer eine Ursache. Rosa, verspottet als Hexe mit den roten Haaren, wurde als Kind von der Mutter verstoßen. Hansi wuchs ohne Eltern auf: Die Mama starb früh, der Vater blieb im Krieg. Aus dem alleingelassenen Buben wurde ein vereinsamter Poltergeist in Männergestalt.

Das Tor zur Hölle steht weit offen. Doch die beiden Eheleute kratzen gerade noch die Kurve. Am Ende ist so etwas wie Verzeihen möglich. Rosa und Hansi reichen einander die Hand. Jetzt kann der untote Tote sich wieder ins Jenseits verfügen. Dorthin will Rosa „bald nachkommen“, vielleicht hegt sie ja doch noch Gefühle für den Verblichenen. Der aber rät dringend ab: „Lass dir Zeit, da versamsch du nix.“

Am Ende eines beeindruckenden Theaterabends darf dann doch auch einmal erleichtert gelacht werden.