Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 06.05.2018


Tiroler Dramatikerfestival

Mit schwarzem Slapstick

zur Wiedergeburt

Mit der Uraufführung von Jovica Letic´’ „Nullmensch“ im Brux wurde am Freitagabend das 9. Tiroler Dramatikerfestival eröffnet.

© BorubaevNena Lukic´ in „Nullmensch“. Die nächste Dramatikerfestival-Produktion, Wolfgang Nöcklers Hörspiel „Rhetorik oder Fische sind schlechte Biografen“, startet am 11. Mai im Brux.



Innsbruck – Es ist ein Spiel, aber ein verdammt ernstes. Es geht um alles: um die Vergangenheit, die Gegenwart und um die Zukunft. Und, weil es ein Spiel ist, steht auch alles auf dem Spiel. Und die Zeit, vergangene und gegenwärtige Gräuel zu beenden, ein letztes Mal zu würfeln oder den „Restart“-Knopf zu drücken, ist knapp. Das ist die Ausgangslage von „Nullmensch“, dem neuen Stück des in Bosnien geborenen Autors Jovica Letic´. Seine Uraufführung eröffnete am Freitagabend die neunte Auflage des Tiroler Dramatikerfestivals. In Szene gesetzt wurde es vom Festival-Chef selbst. Und Klaus Rohrmoser beschwor dabei die Lust am theatralen Experiment: Ein Mikrofon ersetzte die vierte Wand, Figuren sprachen mit diesem das Publikum direkt an – und unterstrichen dadurch die Dringlichkeit dessen, was zur Sprache kam. Surrealistische Videosequenzen von Omar Borubaev und Felix Gorbach erweiterten den Bühnenraum zusätzlich: In drastischem Schwarz-Weiß wurden äußere und innere Abgründe anschaulich.

Im Zentrum aber blieb Letic´’ wuchtige Textflächenarchitektur. Diese setzte Rohrmoser in ein einfaches Setting: einen Stuhlkreis im Irrenhaus. Begleitet von zwei Ärzten – oder einem Arzt samt Spiegelung (Florian Böhm, Michael Rudigier) – werden Erfahrungen be- und aufgearbeitet. Es geht um Flucht und Missbrauch, um Demütigungen und Versuche, andere zu demütigen. Für die Darsteller – Amarilla Ferency, Nena Lukic´, Heinz Fitz, Ivan Pantner, Lucas Zolgar und Immanuel Degn – eine Einladung zum facettenreichen Spiel: Ausbrüche folgen auf Zusammenbrüche, große Gesten auf ganz kleine Nuancen, es gibt schwarzen Slapstick, viel Verzweiflung, ungestümes Aufbegehren – und die Sehnsucht nach einem radikalen Neuanfang, nach Wiedergeburt. Autor, Regie, Salha Fraidls kluge Ausstattung und ein motiviertes Ensemble hätten sich die für diesen starken Theaterabend verdient. (jole)