Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 05.05.2018


Bühne

Bürgerliches Trauerspiel mit Schnaps

Und jährlich grüßt … Yasmina Rezas Komödien-Dauerbrenner „Der Gott des Gemetzels“. Seit Donnerstag am Theater in der Josefstadt.

© APA/OczeretDie Wogen gehen hoch: Michael Dangl als Alain und Judith Rosmair als Véronique in "Gott des Gemetzels".



Wien – Zwei eingebüßte Vorderzähne, zwei elfjährige Rabauken und zwei Elternpaare sind die Ingredienzien von Yasmina Rezas schwarzer Komödie „Der Gott des Gemetzels“, deren Handlung seit Roman Polanskis mit Stars von Christoph Waltz bis Jodie Foster besetzten Verfilmung aus dem Jahr 2011 einem breiten Publikum, auch außerhalb der unzähligen Theatersäle quer über die Kontinente, bekannt sein dürfte.

Die Eheleute Houillé und Reille geraten da, in der Absicht, den blutigen Konflikt ihrer Sprösslinge „zivilisiert“ zu bereinigen, auf heftigst selbstentblößende Weise aneinander. Am Ende liegt die bürgerliche Fassade in Trümmern, zurück bleiben vier Geschlagene.

Regisseur Torsten Fischer setzt das Erfolgsstück für die Josefstadt ziemlich deftig um. Seinen Protagonisten sitzt von Anfang an die Aggression im Nacken. Fein ist bei den Houillés allein das Hochglanz-Appartement, das die latente Unstimmigkeit zwischen der politisch engagierten Véronique (Judith Rosmair) und ihrem handfesten Unternehmer-Gatten Michel (Marcus Bluhm) nur notdürftig kaschiert. Ähnlich auf den Anschein bürgerlicher Harmonie bedacht sind die Reilles: die vorgeblich so duldsame Annette (Susa Meyer) und der aalglatte Alain (Michael Dangl), ein Handy-höriger Anwalt und alles andere als seriös.

Die Inszenierung baut weniger auf abgründigen Charme als auf eine große Pranke. Da darf sich Michael Dangl, wie Gott ihn schuf, im Hintergrund ausführlich den Mageninhalt seiner Frau vom Leib duschen, Schnaps geht zu Boden wie in der Eckkneipe und auf den Plexi-Designersesseln wird, mit Spekulation auf Lacher im Publikum, ein bisschen zu ungeschickt Platz genommen.

Verspekuliert wird dabei die Fallhöhe dieses fulminanten Porträts der obszön satten und verwerflich gelangweilten Gesellschaft der Nullerjahre. (lietz)