Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 14.05.2018


Bühne

Opernpanne in der Bibel-Wanne

„Samson et Dalila“ von Saint-Saëns erlebte, mit Elina Garanca und Roberto Alagna starbesetzt, einen szenischen Totalabsturz an der Wiener Staatsoper.

© APAGroße Stimmen auf szenischer Sparflamme: Roberto Alagna und Elina Garanca als Samson und Dalia in der Wiener Staatsoper.



Von Stefan Musil

Wien — Die Geschichte um Samson und Dalila zeigt die Unendlichkeit der Konflikte im Nahen Osten. Aktuell brodelt es wieder einmal auch in Gaza. Dort wo der biblische Samson einst Delila getroffen hat, wo er die Hebräer bei ihrem Aufstand gegen die Philister angeführt hat. Genauso passiert es auch in der zwischen 1868 und 1877 komponierten Oper von Camille Saint-Saëns, die dazu noch die Beziehung zwischen den beiden thematisiert. Ein faszinierendes und viel zu selten angesetztes Musiktheaterstück über Glauben, Krieg, Liebe und Verrat. Ewig aktuell und brisant.

Ein Stück, dem man auch anmerkt, dass es zunächst als Oratorium gedacht war. Große Tableaus, viel Chor, wenig Aktion, dazu Ballett und im Zentrum eine vibrierende Szene zwischen Samson und seiner Dalila. In der schneidet sie ihm, nach einem Liebesduett, die langen Haare ab und raubt ihm so seine Kraft. Schließlich das Finale, mit großem Bacchanal und dem geblendeten Samson, der in einem letzten Aufbäumen den Tempel der Feinde zum Einsturz bringt.

In der Wiener Staatsoper gibt es das Ganze als Gala. Star-Mezzo Elina Garanc?a feiert ihr Rollendebüt als Dalila. Eine Partie, die zu „eigentlich 90 Prozent" (Erich Seitter im Programm) in der unteren Mittellage angesiedelt ist, aber dennoch strahlende Höhen braucht. Außerdem ist ein „sinnliches, erotisches, ,cremiges' Stimmtimbre eine weitere Voraussetzung". Elina Garanc?a besitzt eine herrlich souveräne Mittellage, eine hell strahlende Höhe, doch in der Tiefe muss man Abstriche machen.

Die klingt mitunter gedrückt, nicht immer tragfähig, kaum samtig. Natürlich singt sie ihre Arien mit großer, vor allem kühler Souveränität, wird am Ende auch anständig dafür bejubelt. Aber die Dalila scheint ihr (noch) nicht ideal in der Kehle zu sitzen.

Ihr Samson, Roberto Alagna, ist da schon aus anderem Holz geschnitzt. Er gibt den tenoralen Haudrauf, fährt nach etwas sprödem Beginn seine Stimme auf vollen Schub und kraftmeiert sich ohne Rücksicht auf Verluste bis ins Finale. In solchem Schatten steht dann der wunderbare Carlos Álvarez, der mit seinem Bariton den geschmeidig hintertriebenen Oberpriester des Dagon gibt. Er ist souverän genug, sich Platz für subtilere Zwischentöne zu schaffen, sich auch schauspielerisch etwas gegen die Inszenierung zu behaupten. Dirigent Marco Armiliato geleitet die Sänger und das nicht immer in Hochform spielende Orchester gut durch die Partitur, die manches von ihrer flirrenden Exotik, von ihrem irisirenden Fluidum vermissen lässt.

Der Abend hätte auch eine spannende konzertante Aufführung abgeben können. Doch man übertrug der kaum opernerfahrenen Alexandra Liedtke die Inszenierung. Die lieferte eine rundum blamable Arbeit ab, der es am Grundlegendsten des Regiehandwerks mangelt. Sie schafft es nicht, in einem schäbigen Sparbühnenbild (Raimund Orfeo Voigt) und mit den von Su Bühler zwischen den Zeiten und Stilen völlig verwirrt kostümierten Sängern auch nur eine ihrer wenigen dünnen Ideen verständlich zu erzählen.

Der gut studierte Chor wird auf Sessel gesetzt, die Sänger irren hilflos über die Bühne. Ein Höhepunkt an unfreiwillig komischer Peinlichkeit ist das Duett zwischen Samson und Dalila, das im gutbürgerlichen Historismus-Zimmer stattfindet, in dessen Mitte unmotiviert eine Badewanne steht. In die schlägt der erregte Samson mit den Händen, dass es spritzt. Dann beginnt es von der Decke zu regnen und Dalila schneidet ihm ein Strähnchen aus der Föhnwelle. Dass auch das Ende, mit brennendem Samson-Doppelgänger und Feuersäulen, völlig schiefgeht, wundert also nicht mehr. Ein veritables szenisches Desaster, für das Liedtke heftige Buhrufe erntete.