Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 14.05.2018


Theater praesent

Autofahrer auf Abwegen

Mit „Knautschzone“ erprobt das Theater praesent das erste „Autostück“ – und setzt ein Ausrufezeichen in Innsbrucks Theaterlandschaft.

© Theater praesentMarkus Oberrauch als Jürgen in „Knautschzone“.



Innsbruck – Eigentlich könnt­e Jürgen einem leidtun: Zunächst gerät ein online organisiertes Schäferstündchen am Straßenrand zum Desaster. Dann kommt ihm die eben nicht nichtsahnende Ehefrau abhanden. Dann das heißgeliebte Auto. Und zu guter Letzt der ähnlich heißgeliebte Vizekanzler. Aber leidtun will einem Jürgen selbst dann nicht. Dafür hat man ihn zu gut kennen gelernt. Man hat gesehen, was er macht, wenn er sich unbeobachtet fühlt. Man weiß, wem er welchen Finger zeigt, wenn niemand hinschaut. Man ist mit ihm Auto gefahren.

Das ist der Clou von „Knautschzone“, dem aktuellen Stück im und um das Innsbrucker Theater praesent. „Knautschzone“ ist PS-getriebenes Stationentheater, eine Spritztour durchs dämmernde Innsbruck. Das Publikum ist nah dran, wenn Lebensentwürfe zerbersten, wenn sich klein­e Katastrophen zum großen Unglück weiten, wenn „Breaking News“ zum Hoffnungsspender und eine Atempause im Nachtasyl Alltag wird. Konzeptionell erinnert das Stück an Schnitzlers „Reigen“: Man beginnt bei einer Figur, die einen zur nächsten führt. Von Jürgen (Markus Oberrauch) zu dessen Beinahe-Beischläfer (Frederick Redavid). Und von dort weiter zu dessen Schwester (Tamara Burkhart). Dann zurück zu Jürgen und seinen Lebenslügen, die inzwischen ordentlich an Ordnung eingebüßt haben.

Wäre man vor Stückbeginn einer anderen Publikumsgruppe zugeordnet worden, hätte man anderes gesehen. Eine angehende Sängerin (Hannah Candolini) zum Beispiel, der auch übel mitgespielt wird. So erfährt man von ihr über Umwege. Auch darin liegt der Reiz dieses Experiments: Gerade die Ahnung des Ganzen sorgt für geschärfte Aufmerksamkeit. Spätestens in der zur Bar umfunktionierten Praesent-Spielstätte in der Jahnstraße kann man die fehlenden Puzzle­teile zusammensetzen. Hier ist Theater wie das echte Leben: Sinn entsteht erst im Nachhinein. Und das Freigetränk, das auf einen wartet, hat man sich sowieso verdient. Will man zudem ein Schnäpschen aufs Haus, sollte man sich vorab in Sachen prominente Autounfäll­e schulen. Serviert wird einem Hochprozentiges genauso wie Promillebefreites von Regisseurin Elke Hartmann. Sie hat das auch über die TKI-open finanzierte Projekt gemeinsam mit Michaela Senn konzipiert – und das wohl erste „Autostück“ der Theatergeschichte in Szene gesetzt. Ein Ausrufezeichen zwischen dokumentarischer Authentizität und konsequenter Dramaturgie. Und die kluge Ausgestaltung einer vergleichsweise simplen Botschaft: Kontrolle ist im Leben selbst dann nicht zu haben, wenn man am Steuer sitzt. (jole)