Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 14.05.2018


Kammerspiele

Die Gefahr tanzt immer mit

Kunstvoll, ungekünstelt: Marie Stockhausens Tanzstück „Die lautlose Welt der Anne Frank“ in den Kammerspielen in der Messe.

© TLT/BoehmDas Drama einer Familie: Anne Frank (Lara Brandi) und ihr Vater Otto (Gabriel Marseglia).



Innsbruck – Anne Frank gibt den Millionen von Opfern der Shoah ein Gesicht. Doch Frank, die 1945 14-jährig in Bergen-Belsen umgebracht wurde, war mehr als Opfer. Sie war eine Heranwachsende: trotzig, mitunter verträumt, grüblerisch und fantasiebegabt. Journalistin wollte sie werden, Buchautorin. Dass das Tagebuch, das sie in ihrem Versteck führte, zum Weltbestseller werden sollte, ist eine der bittersten ironischen Volten dieser dunklen Zeit.

Die Choreografin Marie Stockhausen hat dieses Tagebuch zur Vorlage für ihre jüngste Arbeit genommen. Am Samstagabend wurde „Die lautlose Welt der Anne Frank“ in den Kammerspielen in der Messe uraufgeführt. Ein vom Premierenpublikum euphorisch bejubelter Triumph. Gerade weil Stockhausen auf große Bilder verzichtet, sich dem Reiz marschierender Massen entzieht. Nazi-Schick und Weltuntergangspathos gibt es hier nicht. Der Fokus liegt ganz auf dem Drama einer Familie, auf dem Mit- und Gegeneinander am Esstisch, auf kleinen Hoffnungsschimmern am Morgen und Enttäuschungen am Nachmittag. Und auf der Allgegenwart der Gefahr, die – in Gestalt von Anna Romanova – immer mittanzt. Sie durchkreuzt zarte Annäherungen zwischen Anne (auch mimisch ungeheuer ausdrucksstark: Lara Brandi) und Peter (Mingfu Guo), greift ungerührt zu, wenn Annes Eltern (Gabriel Marseglia und Alice White) den Anschein von Normalität vermitteln wollen. Die permanente Präsenz drohenden Unheils ist effektiver als alle Ausstattungsorgien. Unterstrichen wird sie durch kluge, bisweilen gewagte Musikauswahl, Verdis Requiem ist darunter und Puccini, aber auch „Stille Nacht“, Billie Holidays „Sugar“ und – nachgerade unheimlich bedrückend – „Kommt ein Vogel geflogen“. Besonders stark sind die Momente, die von Cellist Peter Polzer live begleitet werden. Dann entwickelt sich „Die lautlose Welt der Anne Frank“ zum kunstvollen, weil ungekünstelten Ausdruck beklemmender Ausweglosigkeit – und wird, wie seine Buchvorlage, zum Mahnmal. (jole)