Letztes Update am Mi, 16.05.2018 06:40

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Johannes Reitmeier: „Risikoarm ist die Arbeit nicht“

Am Samstag hat Johannes Reitmeiers Inszenierung von Wagners „Rienzi“ am Landestheater Premiere. Ein Gespräch über populistische Potentaten, problematische Stücke und drohende Abo-Rückgänge.

© peter-litvaiJohannes Reitmeier ist seit 2012 Intendant des Tiroler Landestheaters.



Die Rezeptionsgeschichte von Richard Wagners „Rienzi“ ist, gelinde gesagt, schwierig. Am Tiroler Landestheater stand die Oper bislang noch nie am Spielplan.

Johannes Reitmeier: Tatsächlich stand und steht dem „Rienzi“ seine Rezeptionsgeschichte häufig im Weg. Auch wenn man es dem Stück kaum zum Vorwurf machen kann, dass es erklärtermaßen Adolf Hitlers Lieblingsoper war. Damit steht „Rienzi“ allerdings nicht alleine da. Auch viele Musiktheaterstücke, die während der Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus als so genannte „entartete Kunst“ verfemt wurden, fanden nach dem Krieg kaum zurück auf die Spielpläne. Ein vergleichbares Schicksal unter anderen Vorzeichen. Viele Werke, die es wert wären, entdeckt und erprobt zu werden, werden nach wie vor kaum beachtet. In meiner Zeit als Intendant in Kaiserslautern habe ich solchen Stücken eine mehrjährige Reihe gewidmet.

Was ist, wenn man so will, der programmatische Ansatz bei „Rienzi“?

Reitmeier: Der Umstand, dass der Innsbrucker Richard Wagner Verband heuer Gastgeber des internationalen Wagner-Kongresses ist, spielt natürlich eine gewisse Rolle. Da wollten wir natürlich etwas anbieten, das auch eingefleischte Wagnerianer nicht jeden Tag vorgesetzt kriegen. Am Landestheater war „Rienzi“, wie gesagt, noch nie zu erleben. Auch zum Erler-Kanon gehört er nicht. Dazu kommt mein grundsätzliches Interesse an Opernliteratur, die etwas abseits der großen Hits steht.

Der späte Wagner ging mit seinem Frühwerk hart ins Gericht. Er hat „Rienzi“ als „zu italienische Jügendsünde“ abgetan.

Reitmeier: Wagner war sicherlich einer, dem es schwerfiel, zuzugeben, wenn ihn etwas begeisterte oder beeinflusste. Aber es steht außer Frage, dass es ohne die italienische Oper und ohne die Tradition der Grand Opéra, der man „Rienzi“ ja zuordnet, auch Wagners Hauptwerke nicht gegeben hätte. Das Urteil über „Rienzi“ hat also gewissermaßen der Ideologe Wagner gesprochen – und nicht der Komponist, dessen Werk sich durchaus organisch entwickelt hat.

Im „Rienzi“ geht es nicht zuletzt um einen Mann, der als vermeintliche Stimme des Volkes zum Machthaber wird.

Reitmeier: Es geht um die Kraft des Populismus.

Ein brennend aktuelles Thema.

Reitmeier: Ja. Wir leben in einer Zeit, in der viele Machthaber auf fatale Art an Rienzi erinnern. Manche mögen Trump erkennen, andere an Putin oder Erdogan denken. Die Slogans, mit denen Rienzi an die Macht kam, sind bezeichnend: Er trat mit dem Versprechen an, Rom wieder groß zu machen. Da kommt einem natürlich „Make America great again“ in den Sinn.

Tragen Sie dieser Aktualität auch in der Inszenierung Rechnung?

Reitmeier: Die Parallelen zur Gegenwart werden sich zeigen. Man kann dieses Stück nicht in die Ferne rücken und so tun, als ginge es uns nichts an, weil es im Mittelalter spielt. Aber es würde auch keinen Sinn ergeben, wenn man Rienzi jetzt nur um des Effekts willen eine blonde Trump-Tolle aufsetzt. Bei solchen Ideen läuft man Gefahr, dass sie sich überholen, noch bevor das Stück auf die Bühne kommt. Gegenwärtig sind die Figuren trotzdem. Unser Rienzi bedient sich ganz natürlich der Stilmittel moderner Potentaten: Er nützt PR-Maschinerien für seine Zwecke und weiß etwa um die Zugkraft eines guten Logos. Wichtig ist mir, dass das Problematische des Stückes nicht ausgeblendet wird, es gibt diesen Zug ins Monumentale, ins Faschistoide. Umso wichtiger ist es zu zeigen, wohin die erschreckend schönen Bilder eines Volkes auf den Barrikaden führen, bei denen immer auch ein bisschen „Les Misérables“ mitschwingt.

Themenwechsel: Die Landesregierung hat kürzlich beschlossen, dass es keine verbilligten Landestheater-Abos für ehemalige und aktuelle Landesbedienstete mehr geben wird. Diese machten zuletzt rund 40 Prozent der insgesamt 8442 verkauften Abonnements aus. Das Landestheater dürfte also künftig weniger Dauerkarten absetzen.

Reitmeier: Davon muss man ausgehen. Als Intendant hofft man natürlich, dass solche Entscheidungen nicht in die eigene Amtszeit fallen (lacht). Aber im Ernst: Ich sehe die Entscheidung vor allem als Aufgabe: Jetzt gilt es, dem Publikum, das bislang in den Genuss solcher Angebote gekommen ist, andere Angebote zu machen. Manches gibt es bereits. Ich bin jedenfalls durchaus optimistisch. Ich habe guten Grund zu glauben, dass die Tiroler nicht nur deshalb ins Theater gehen, weil es dafür eine Vergünstigung gibt.

Die Auslastungszahlen des Landestheaters liegen zwischen 88 und 96 Prozent. Es gibt die Kritik, dass sich solche Zahlen nur mit risikoarmen Spielplänen erreichen lassen.

Reitmeier: Ich glaube nicht, dass man das Publikum nur erreicht, wenn man sich gnadenlos an selbiges heranschmeißt. Wenn man sich die vergangenen und den künftigen Spielplan anschaut, kann man nicht sagen, dass wir auf Nummer sicher gehen. Der Großteil der Stücke ist erstmals am Haus zu sehen, da ist kaum absehbar, ob etwas angenommen wird. Risikoarm ist die Arbeit also nicht. Ich gebe gern zu, dass ich mich nicht verzweifelt um eine radikale Theaterästhetik bemühe. Aber das heißt nicht, dass ich mich zurücklehne und nur auf Erprobtes setze. Grundsätzlich kann ich sagen, dass ich weit weniger auf gute Auslastungszahlen aus bin, als mir offensichtlich nachgesagt wird.

Das Gespräch führte Joachim Leitner