Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 20.05.2018


Bühne

Fader Blutrausch als Burg-Theater-Stückwerk

Drei Schauspieler machen noch keinen „Macbeth“. Antú Romero Nunes scheitert am Burgtheater mit seinem Shakespeare-Konzentrat.

© APA



Von Stefan Musil

Wien – Sieben meist nackte Männer und unendlich viel Blut haben Regiemeister Jürgen Gosch 2005 in Düsseldorf gereicht, um „Macbeth“ brutal existenziell auf die Bühne zu werfen. Die Inszenierung ist legendär. Im Burgtheater wird zumindest in Fragmenten die von Gosch mitverantwortete deutsche Übertragung gespielt. Das hilft dem Abend, der eineinhalb pausenlose Stunden dauert, allerdings nicht weiter.

Der junge Regisseur Antú Romero Nunes lässt nur noch drei Spieler auf die „Macbeth“-Bühne. Im nächsten Schritt wäre wohl eine Lesung konsequent. Die würde in diesem Fall auch mehr gebracht haben, denn von „Macbeth“ an sich ist nur noch wenig übrig. Nunes interessiert das Stück per se auch kaum. Es geht ihm um eine Innenschau, einen Blick darauf, wie sich Menschen angesichts von Macht und Gier, im Verüben eines Mordes verhalten. Die drei Hexen, Macbeth und seine Lady, also die beiden Täter, und mit Duncan, Banquo und Lady Macduff die Opfer hat sich Nunes für sein Exzerpt behalten.

Das klingt grundsätzlich spannend. Das könnte hochkonzentriertes, dichtes Theater abgeben. Ein grausames Kammerspiel, ein Totentanz der Untoten. Doch die Praxis sieht leider anders aus. Nunes lässt seine drei intensiv in die Theaterschlacht ziehenden Protagonisten, Ole Lagerpusch als Macbeth, Christiane von Poelnitz als Lady und Merlin Sandmeyer in den anderen Rollen, zugleich auch als Hexen auftreten. Als langhaarige, hässlich bleiche, tätowierte Zombies jagen sie zu Beginn eine Schar kreischender Mädchen vor sich her, bevor sie auf die Bühne wackeln und mit ihrer Anrufung „Heil dir, Macbeth! Heil dir, der König wird, danach“ das Spiel beginnen.

Doch die Angelegenheit bleibt zu hermetisch, zu kopfig, zu manieriert in ihrer Exaltiertheit, als dass sie berühren oder packen könnte. Die Texteinsprengsel, sie wollen gar nicht ankommen beim Zuschauer. Sie klingen meist wie überdruckvoll theatralisch deklamiertes Stückwerk. Nunes versucht es dafür mit ausreichend Blut und mit starken Theaterbildkompressen, um den dramatischen Puls in die Höhe zu treiben. Erfolglos. Die Bühne (Stéphane Laimé) ist ein ironisches Spiel. So hat man als Burg von Macbeth ein Stück Burg(-theater) verwendet, und einen Teil des Zuschauerraums auf die Bühne gespiegelt, wobei die Mittelloge als Galerie funktioniert. Man ist also mittendrin. Wenn der Mord an König Duncan zweimal variiert wird, der völlig aufgebrachte Macbeth ganz blutverschmiert bei seiner Komplizin Trost finden möchte, die nur stammelnd beteuern kann, sie hätte den König auch selbst umgebracht, „hätte er im Schlaf nicht meinem Vater so geglichen“.

Beim Mord an Banquo versucht es Nunes dann wieder mit Theateratmosphäre. Er lässt brennende Kerzen am Laufband vorbeiziehen und Banquo, im Theaternebel sterbend, röchelnd und zappelnd untergehen.

Doch so kommt diese „Macbeth“-Spielerei nicht auf den Punkt, bleibt unverständlich, kann sich nicht verdeutlichen. Selbst wenn sich die Schauspieler nach Leibeskräften bemühen. Ole Lagerpusch kotzt sich als Macbeth höchst kraftvoll die mörderische Angst aus dem Leib, Merlin Sandmeyer darf mit seinen diversen Chargen auch halblustig aufzeigen und Christiane von Poelnitz kann herzhaft hysterisch aus dem Vollen schöpfen. Hilft alles nichts. Selbst die große Finalshow, die zum kitschigen Kehraus gerinnt. Die Lady begießt sich im Wahn mit überreichlich Blut und beschmiert die Mitglieder aus dem Kinderchor The Vivid Voices, die sich hinter ihr in weißen Nachthemden aufgestellt haben, auch noch mit dem roten Saft. Dazu spielt die Post und Telekom Musik Wien mit viel Blechblasinstrumenten auf der Hinterbühne. In einem letzten Aufwallen reißt Macbeth die Bespannung von den Wänden. Erstaunlich freundlicher Applaus.