Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 23.05.2018


Bühne

Klanggewaltiger Krawall

Das Karussell dreht sich nun halt mal an der Isar: Frank Castorf und Simone Young mit Leoš Janácˇeks „Aus einem Totenhaus“ an der Bayrischen Staatsoper München.

© Veritables Durcheinander samt musikalischem Kontrapunkt: „Aus einem Totenhaus“ in München.Foto: Hösl



Von Jörn Florian Fuchs

München – Erleichterung am Ende dieses Abends beim Regisseur. Endlich wieder einige deutliche Buhs! Zuletzt wurde Frank Castorf ja geradezu ekstatisch gefeiert, etwa bei seinem Berliner (Sprechtheater-)„Faust“, aber auch für seine Inszenierung von Charles Gounods (Opern-)„Faust“ in Stuttgart – das war ein wirklicher Wurf und niemand im Publikum zeigte sich in Protestlaune, was Castorf spürbar missfiel. Er brauche Widerstand, sagte er unlängst in einem Interview, und tatsächlich schlug und schlägt Castorf ja oft reichlich Hass und Wut seitens des Publikums entgegen.

Manche Münchner Premierengäste murrten wahrscheinlich ob der auf der Bühne erlebten Gewaltszenen, andere störte vielleicht eher das szenische Wirrwarr nebst einer bisweilen verweigerten Personenführung. Der Stoff wäre eigentlich ja perfekt für Frank Castorf.

Sein Hausgott Dostojewski lieferte die Vorlage für Leoš Janácˇeks letzte Oper, das titelgebende Totenhaus ist ein sibirisches Gefangenenlager, hier erzählen die Insassen (sich und dem Publikum) ihre Geschichten, werden Konflikte brutal ausgetragen, mutiert der Mensch zum Tier. Mehr als ein Symbol ist ein verletzter Adler, er strandet im Lager, wird aufgepäppelt und später freigelassen. Dostojewski lässt ihn sterben, Janácˇek sieht ihn als Hoffnungssymbol im Sinne einer offenen Zukunft. Castorfs Vogel ist eine sehr adrette junge Dame, die mit gewaltigem Flügelrauschen für reichlich Unruhe sorgt. Die Männergesellschaft, zeitweise mit offenem Hosenstall, erträgt ihr Schicksal auf einer großen Drehbühne (eingerichtet von Aleksandar Denic´). Man sieht Stacheldraht, eine Kapelle, düstere Zwischenräume – und einen Hasenstall mit sanft herumhoppelndem Interieur. Dazu kommt eine russische Werbetafel für ein amerikanisches Limonadengetränk, ein Poster preist die Sowjetunion als Reiseland, ein anderes den Trashfilm „The Amityville Horror“.

Wie bei Castorf üblich wird eifrig gefilmt. So sieht man die Figuren mal verdoppelt, mal gewährt die Live-Kamera Einblicke ins Innere oder hinter die Drehbühne. Es gibt gelegentlich Untertitel wie im Stummfilm (etwa Auszüge aus Dostojewskis „Dämonen“, eine sehr interessante theologische Reflexion), einmal wird auf Spanisch aus dem Lukas-Evangelium zitiert. Weiters erfreuen eitrige Wunden in Großaufnahme, brennende Fässer, eine Prise mexikanischer Totentanz beziehungsweise Voodoo-Ästhetik.

Castorf ist hier eindeutig zu viel durch die Rübe gerauscht. Will sagen, es herrscht ein veritables Durcheinander, das gerade beim „Totenhaus“ verheerend wirkt. Denn es ist ohnehin ziemlich schwer, den zahlreichen Figuren mit ihren Geschichten zu folgen, in München wird es manchmal unmöglich. Außerdem wirkt das Ganze wie ein Abklatsch früherer Produktionen. Das Castorf-Karussell mit all seinen bekannten Elementen, es dreht sich nun halt mal an der Isar, und leider ziemlich träge.

Was für ein Kontrapunkt ist da die Musik! Simone Young gelingt am Pult des Bayerischen Staatsorchesters eine Meisterleistung, nämlich der im letzten Drittel doch sehr redundanten und nicht wirklich innovativen Tonsprache Janácˇeks tolle Farben und viel Dynamik abzugewinnen. Kraftvolle orchestrale Bögen kontrastieren die inhaltliche Tristesse mit immer wieder – völlig unpathetisch – durchschimmernder Erlösungshoffnung.

Stark das vorwiegend männliche Ensemble, allen voran Bo Skovhus als axtschwingender Šiškov, Charles Workman als Skuratov und Peter Rose als Gorjancˇikov, der diverse Demütigungen über sich ergehen lassen muss, bevor er schlussendlich freikommt. Ergreifend ist Niamh O’Sullivan, die als Prostituierte vokal und szenisch ein wenig „Abwechslung“ in die Männertruppe bringt – toll gespielt, großartig gesungen!




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