Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 02.06.2018


Bühne

Jürgen Flimm: Wenn schon, dann die Oper

Jürgen Flimm, bedeutender Impulsgeber für das deutschsprachige Theater, im Gespräch. Im Sommer inszeniert er für die Festwochen der Alten Musik Mercadantes „Didone abbandonata“.

© Thomas Boehm / TTJürgen Flimms lange Zeit der Intendanzen ist nun zu Ende. Das nützte Festwochenchef Alessandro De Marchi und lockte ihn nach Innsbruck.



Von Ursula Strohal

Innsbruck – Stippvisite eines Theatergroßen, bevor er sich im Sommer in die Berge begibt. Jürgen Flimm kam dieser Tage nach Innsbruck, denn für die bevorstehenden Festwochen der Alten Musik erarbeitet Alessandro De Marchi die 1823 in Turin uraufgeführte Oper „Didone abbandonata“ von Giuseppe Saverio Mercadante und hat für die Regie den bedeutenden Theatermann gewonnen. Flimm beendete im März nach acht Jahren seine Intendanz an der Berliner Staatsoper Unter den Linden, die während der Renovierung ins Schillertheater übersiedelt war. De Marchi, an der Staatsoper geschätzter Partner von Flimm und Generalmusikdirektor Daniel Barenboim, dirigiert dort Flimms Version von Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“ sowie „Orfeo und Euridice“ und fragte für Innsbruck an. Flimm dachte an einen Workshop. Aber wenn er schon kommt, sagte De Marchi, dann für die Inszenierung der großen Oper.

Die Musik Mercadantes, die hier wiederbelebt wird, kennt Flimm noch nicht genau: „Wir haben sie am Flügel durchgemacht, gesehen, wo Rezitative, Ensembles, Accompagnati (orchesterbegleitete Rezitative, Anm.) sind, ich habe gestrichen, die Kürzungen De Marchi geschickt, der ja und hin und wieder auch Nein sagte. Und mich mit Mercadante-Musik eingedeckt.“

Dass Flimm, 76, für Innsbruck ans Unterrichten dachte, führt zum Pädagogen und seine begehrten Meisterklassen. Was vermittelt er, der als Intendant wie als Regisseur gemeinschaftliches Arbeiten bevorzugt, der die Theaterlandschaft nicht zertrümmernd, sondern mit genialer Fantasie prägt, literarisch substanziell, und kenntnisreich Einsichten schenkt, Schauspiel und Oper verschmelzen kann? Der, gefühlt vom Zuschauerraum aus, den Darstellern lenkend zusieht und den Figuren ins Herz schaut. „Jeder Schauspieler hat seine eigene Methode“, sagt er, „man muss immer anders unterrichten, und es muss am Ende funktionieren. Vorbereitung kann man unterrichten und Stückanalyse. Denn zu den Schauspielern/Sängern kommt ein Drittes: der Stoff. Rezitativ ist Sprache, kein Gesang, wir lesen die Rezitative, sprechen sie, sehen, was die Figur ist, was sie sagt, was sie will, was vorher war, erkennen die Sprachmelodie und halten das fest, damit die Arie dann blüht.“

Da ist Flimm mittendrin, in „Figaro“, seiner Lieblingsoper, singt eine Phrase, bleibt bei einem Wort, „aspetta“, variiert es sinnverändernd wie im Schauspielunterricht, denn „das kann man machen, wie man will, das steht dem Regisseur zur Verfügung“. Zur Verfügung stehen ihm heute auch in der Oper schauspielerisch gewandte Darsteller, die Zeit des Stehtheaters ist vorbei. Zeitnahe Frage: Muss eine Probe harmonisch verlaufen? „Nicht harmonisch, aber respektvoll“, sagt Flimm.

Jungen Bühnenkünstlern, die sich durchsetzen, gesteht er „alle Chancen der Welt“ zu. Beim Thema Hochschulen und wofür sie ausbilden, wird er ernst, weiß, und nimmt den Film mit herein, wie viele junge Menschen auf der Strecke bleiben.

Jürgen Flimm kam jung mit der Neuen Musik in Berührung, war mit Bernd Alois Zimmermann und Luigi Nono befreundet, lernte Karlheinz Stockhausen kennen und war in der Fluxusbewegung. Nahe ist ihm, und nicht nur im italienischen Domizil, Salvatore Sciarrino, von dem er die Bühnenwerke inszeniert. Da ist die Linie zum Barock gezogen, und damit zum hochgeschätzten Nikolaus Harnoncourt, mit dem Flimm 17 Mal zusammenarbeitete: „Ich habe viel von ihm gelernt.“

Flimms Inszenierungen können Klugheit, Detailfreude und Humor, sogar seinen Charme kenntlich machen. In der Begegnung kommt der Eindruck hinzu: Er hat sich Jugend bewahrt. 50 Jahre ist er Regisseur. 40 Jahre lang war er Theaterleiter. In Köln, am Thalia-Theater Hamburg, bei der Ruhrtriennale in Gelsenkirchen, bei den Salzburger Festspielen, Unter den Linden. „Salzburg war schwierig“, sagt er, „alle, inklusive Karajan, hatten Probleme dort – das war nicht mein Ort.“ Berlin, und dort bleibt er wohnen, war es, er mochte das Schillertheater, wo das Publikum architektonisch fast auf die Bühne fließt, und beschloss eines Tages mit Barenboim angesichts des sich hinziehenden Umbaus der Staatsoper: „Ab heute ärgern wir uns nicht mehr.“

Heute Samstag steht er in Berlin am Grab eines großen Kollegen, Karl Ernst Herrmann: „Da sind wir alle da.“ Vor zwanzig Jahren haben Karl Ernst und Ursel Herrmann mit René Jacobs bei den Innsbrucker Festwochen Händels „Semele“ herausgebracht. Dann wird sich Jürgen Flimm auf seinen norddeutschen Ansitz nahe der Elbe zurückziehen, zu seinen Tieren, seinen Erinnerungen und Anschauungen. Denn der Verlag Kiepenheuer & Witsch wartet auf das Buch, „biographieartig, wie ich so trödel durch mein Leben“. Lebensüberblick in einem Haus, das sich als Denkmal herausstellte. Keine Gefahr, dass da noch so etwas entsteht. Dafür ist Flimm zu gegenwärtig, zu unpathetisch, zu immerjung.