Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 05.06.2018


Landestheater

Aus vollem Herzen der Lebenslüge falsche Töne

Die unerschütterliche Kunst der Florence Foster Jenkins in den Kammerspielen des Tiroler Landestheaters.

© TLTDiva mit unbeirrbarem Selbstbewusstsein bei der Probe: Susanna von der Burg als Florence Foster Jenkins und Denis M. Rudisch als ihr Pianist.Foto: Larl



Von Ursula Strohal

Innsbruck – Knöcheltief stand sie in ihren falschen Tönen, hingerissen von ihrer Kunst, unerschütterlich. Bejubelt und bestärkt, bis die Hybris der New Yorker Carnegie Hall ihr das Herz brach. Eine Kultfigur der Lebenslüge.

Florence Foster Jenkins, die sich vorstellte, Sopranistin zu sein und diese Vorstellung lebte, wurde vor 150 Jahren geboren und starb 76 Jahre später. Opernfreunden blieb sie ein Begriff, ihre Ton­träger werden gekauft bis heute. Um die Jahrtausendwende wurde ihr in mehreren Theaterstücken neues Leben eingehaucht, 2015/16 erreichte die Welle einen Höhepunkt mit zwei Biografien und drei Filmen.

Foster Jenkins war wohl die erste „Künstlerin“, die für Nicht-Können gehypt wurd­e. Seit den 1930/40er-Jahren hat sich das Blatt jedoch in der Massenszene gewendet: Wo Talentfreie zu rasch verglühenden Stars erhoben werden, finden sich grandios­e Darstellerinnen wie Meryl Streep und Joyce DiDonato, um ihr Können in der Rolle der Foster Jenkins zu verleugnen.

In den Kammerspielen hatte am Sonntag „Souvenir“ von Stephen Temperley Premiere, weder Musical noch Komödie, sondern ein Kammerspiel mit Musik. Es wird viel gelacht in dem Zwei-Personen-Stück, das die Beharrlichkeit einer eisernen Lady zeigt, deren Schicksal es ist, durch die Zeiten verspottet zu werden. Sie hatte Klavierspielen gelernt und als Kind konzertiert, unterrichtete zunächst auch, wollte aber Sängerin sein. Sie wurde wohlhabend, trat in kleinen, erlesenen Kreisen unter Freunden und Mitgliedern ihrer Clubs auf, bis sie, von einem riesig gewachsenen Fankreis gedrängt und immerhin schon 76, auf großer Bühne sang: Sie kaufte die Carnegie Hall, sang in wechselnden Kostümen Opernstandards, Lakmé, Margarete, Adele, bis zu ihrer legendären Königin der Nacht. Da hörte sie das Gelächter, las die Verrisse und war vernichtet.

Ausstatter Michael D. Zimmermann imaginiert Salon und Konzertsaal, Dale Albrigh­t inszeniert darin mit liebevoller, aufmerksamer Zurückhaltung, bis sich zuletzt die bei allem Unterhaltungswert immer präsent­e Tragik der Florence Bahn bricht. Hansjörg Sofka hat die musikalische Leitung.

Cosmé McMoon wurde „Madame Flo’s“ Pianist („Ich war 29, man kann nicht immer vielversprechend sein“). Denis M. Rudisch, Schauspieler, Sänger und Pianist, spielt ihn lässig, begabt und in temperamentvoller Verzweiflung, ihr zunehmend hingegeben.

Susanna von der Burg, in so vielen großen Partien ihres Fachs am TLT bewährt, kann sich die Florence bezüglich Image, darstellerischem Talent und fundierter Gesangstechnik leisten und ist einfach großartig. Es bereitet einer Sängerin wohl ein Fegefeuer, neben viel Sprechtext so schräg, so begnadet falsch, so schrill Töne zu produzieren, und das aus vollem Herzen. Sie ist mit Leib und Seele und Überzeugungskraft dabei und schafft beim Carnegie-Konzert sagenhafte Quick-Changes. Als sie, befreit vom Irdenleben und brüllender Schadenfreude, singen darf, wie sie sich selbst hörte, ist das Publikum sehr still.