Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 18.06.2018


Bühne

Die Wirklichkeit ist eine Frau

Das Theaterstück Peer Gynt, das im Rahmen des Jugendtheaterfestivals aufgeführt wird, zeigt, dass man der Realität vertrauen muss, um das Schönste zu erfahren: Liebe.

© Christian WindDas Trollmädchen (S. Granmayeh) ist hinter Peer (J. Ellers) her. Er weist ihre Avancen jedoch zurück.



Von Gerlinde Tamerl

Innsbruck – Er humpelt, seine Fingernägel sind lang und aus seinem Maul hängt triefend eine faulige Zunge. Die donnernde Stimme des Teufels bringt die Welt zum Beben.

Diese starke Szene stammt aus dem Klassiker „Peer Gynt“ des norwegischen Dramatikers Henrik Ibsen (1828–1906), das am Samstag unter der Regie von Sven Sorring im Rahmen des Theaterfestivals „Kultur wächst nach“ im ORF-Landesstudio Tirol seine Premiere feierte.

Tatsächlich erscheint der Teufel zunächst aber gar nicht auf der Bühne. Es ist der junge Mann Peer Gynt (Josef Ellers), der seinen Freunden die Begegnung mit Satan schildert. Peers Abenteuer haben, und das zum großen Leidwesen seiner Mutter (Gudrun Tielsch), mit der Wirklichkeit rein gar nichts zu tun. Sie entspringen seiner Fantasie, und so flunkert Peer seinen Mitmenschen allerhand vor, etwa, dass es ihm gelungen sei, sogar den Teufel höchstpersönlich zu überlisten. Satan oder der „Humpel-Kumpel“, wie Peer ihn schelmisch nennt, hätte sich sogar freiwillig durch ein Wurmloch in eine Walnuss gezwängt. Dieses Loch hätte Peer zugestopft. Nun würde er den Teufel in dieser Nuss gefangen halten und ihn in seiner Hosentasche herumtragen. Diese Geschichte beeindruckt seine Kameraden, doch trotzdem entfacht dies einen Streit. Nur das Mädchen Solvai (Shirina Granmayeh) stellt sich schützend vor den Außenseiter Peer und verhindert damit eine Schlägerei. Sie folgt dem flüchtenden jungen Mann, und es stellt sich heraus, dass Solvai sich in Peers fantastische Welt einzufühlen vermag, so wie er in den Wolken menschengestaltige Fabelwesen – Trolle – erkennen kann. Und obwohl Peers Avancen recht tollpatschig daherkommen, er zum Beispiel Solvais Augen mit denen einer Kuh vergleicht, ist die Zuneigung, die die beiden füreinander empfinden, nicht zu übersehen.

Peer Gynt verliert Solvai aber wieder aus den Augen, denn er wird von dem Wunsch angetrieben, König oder Kaiser zu werden. Wieder macht er sich auf den Weg ins Reich der Fantasie, um dort nach einem Königreich Ausschau zu halten.

Dort trifft er auf ein stinkendes Trollmädchen (Shirina Granmayeh), dessen Fürze Peer ohnmächtig werden lassen. Angezogen von ihrem Versprechen, ihn zum König ihres Trollreiches zu machen, stimmt er einem Treffen mit dem Trollkönig (Dennis Oliver Batchelor) zu. Dieser ist bereit, Peer seine Tochter zu überlassen, doch als es zum Kuss mit dem Trollmädchen kommt, macht dieser einen Rückzieher und ergreift mit den Worten „Lieber knutsche ich eine faulige Kröte“ die Flucht.

Peers Mutter, in der Zwischenzeit schon alt und schwach, stirbt in den Armen Peer Gynts, der sich aber währenddessen wieder in seine Traumwelt verabschiedet und ein Königreich imaginiert, in dem sein „Muttchen“ feierlich empfangen wird. So versäumt er sogar den Augenblick, in dem seine eigene Mutter stirbt.

Auf seiner Flucht in die Welt der Fantasie wird Peer trotzdem nicht geschont, denn auch dort trifft er auf mahnende Stimmen, die ihn dazu auffordern, sich seiner Realität zu stellen. Der ganz in Weiß gekleidete „Knopfgießer“ (Dennis Oliver Batchelor), eine göttlich anmutende Figur, droht dem Wirklichkeitsflüchtling sogar damit, ihn „umzugießen“. Der Teufel (Gregor Kronthaler) hingegen ist nicht bereit, ihn in der Hölle aufzunehmen. So bleibt es bis zuletzt spannend, ob Peer Gynt jemals wieder in der Wirklichkeit zurückkehren wird.

Die Schauspieler, allen voran Josef Ellers und Shirina Granmayeh, meistern diese anspruchsvollen Rollen souverän. Ihnen gelingt der dramaturgische Wechsel zwischen den realen und fantastischen Welten bis zum Schluss mühelos. Granmayeh beweist in ihren konträren Rollen als Solvai und Trollmädchen enorme Wandlungsfähigkeit. Ihr Engelsgesang als verliebte Solvai ist rührend, dann wieder überrascht sie mit ihrer Wildheit als Trollmädchen so sehr, dass man gar nicht glauben kann, dass tatsächlich sie in dieser Rolle steckt. Nicht zuletzt beweisen die zauberhaften Kostüme u. a. von Sonie Wenig, mit welch großer Hingabe hier gearbeitet wurde.

Das Stück wird für Zehnjährige empfohlen, aber der ständige Wechsel der Realitätsebenen könnte Kinder in diesem Alter möglicherweise überfordern.