Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 18.06.2018


Bühne

Männer-Krieg und Frauen-Elend

Enthusiastischer Beifall: Mit dem dramatischen Opern-Projekt „Trojan Women“ aus Korea enden die diesjährigen Wiener Festwochen.

© National Theater of Korea 2016 Die "Trostfrauen" von Troja.



Wien – Euripides trifft Sartre trifft traditionelle koreanische Oper: Die nahezu zweieinhalb Jahrtausende alte Tragödie „Die Troerinnen“ und die unter dem Eindruck des Algerienkrieges verfasste Nachdichtung des französischen Existentialisten bilden für den aus Singapur stammenden, international ausgezeichneten Regisseur Ong Keng Sen die Basis, die Geschichte der Frauen von Troja unter Rückbesinnung auf die alte koreanische Kunstform des Pansori, eines ursprünglich von einer Person mit Trommelbegleitung vorgetragenen epischen Gesanges, neu und in der Form des Changgeuk (koreanische Oper) zu erzählen.

Bald wird der griechische Soldat Andromache ihr Kind entreißen: Blutrote Wollknäuel begleiten die "Trostfrauen" von Troja.
- National Theater of Korea 2016

Diese allemal würdige Abschlussproduktion der seltsam verhaltenen Festwochenausgabe 2018 veranlasste das am samstäglichen Premierenabend im Theater an der Wien erschreckend spärlich vorhandene, dafür jedoch umso ergriffenere Publikum zu stehenden Ovationen: Begeisterung für eine in unseren Breiten als fast schmerzhafte empfundene Intensität, mit der die Darsteller in beeindruckender emotionaler Hingabe den Zuschauerraum fluten.

Frauen als Unterpfand des Krieges stehen da auf der Bühne: zwischen den unterjochten Witwen und Töchtern der hingeschlachteten Trojaner und den perfiderweise „Trostfrauen“ genannten Koreanerinnen, die den japanischen Besatzern während des Zweiten Weltkrieges als Sexsklavinnen zur Verfügung stehen mussten, oder der systematischen Gewalt gegen Frauen im Syrienkrieg liegen nur scheinbar Jahrtausende.

Und so ist der große Klagegesang der Hekuba (stimmgewaltig: Kim Kum-mi) und des sie umgebenden Chors der Troerinnen allgemeingültig, rührt das Leid der Andromache (ergreifend: Kim Jun-soo), der der kleine Sohn genommen wird, zu Tränen und lauscht man gebannt Kassandras (Yi So-yeon) kämpferischem Appell vor lodernden Video-Flammen.

Der koreanische Pop-Sänger Jung Jae-il beeindruckt als zwischen den Geschlechtern irrlichternde Helena, seine etwas belanglosen Klavierparts sind das einzig irritierende an Ong Keng Sens „Trojan Women“. Sie entreißen den Zuhörer doch ziemlich unsanft einem gleichsam über den Zeiten stehenden Klangspektrum, das die Musiker der National Changgeuk Company of Korea auf ihren traditionellen Instrumenten erzeugen. Trotzdem fabelhaft. (lietz)