Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 19.06.2018


Innsbruck

Im rasenden Sog des Mordens: Aichners ,,Totenfrau“ auf der Bühne

Begeisterte Aufnahme der Uraufführung von Bernhard Aichners dramatisiertem Kriminalroman „Totenfrau“ in den Kammerspielen des Tiroler Landestheaters.

© Rupert LarlLisa Hörtnagl überzeugt als "Totenfrau" im Landestheater.



Von Ursula Strohal

Innsbruck – Sie ist keine komplizierte Frau. Sie tötet, was sie verletzt. Und weiß Glück zu schätzen. War verhakt im elterlichen Bestattungsunternehmen. Als Kind bei Widerstand nicht in die dunkle Besenkammer eingeschlossen wie andere, sondern in einen Sarg. Erwachsen, entledigt sich Blum vor der Küste von Triest der Pflegeeltern und ihres Vornamens Brünnhilde. Acht Jahre später wird ihr Mann, ein Polizist, überfahren, als er sich um eine jahrelang gefolterte Frau kümmert. Blum eröffnet den Tötungsreigen. Sie hat ein Handwerk gelernt, das man durchaus virtuos betreiben kann.

Romane zu dramatisieren, ist eine derzeit überstrapazierte Mode, um vermeintlich neue Bühnenstücke und damit Uraufführungen zu kreieren. Während das Verfahren oft zu hinkenden Ergebnissen führt, hat es „Totenfrau“, dem vielbeachteten Krimi des Tirolers Bernhard Aichner von 2014, gutgetan. Susanne Felicitas Wolf und der Autor selbst legten Hand an. 50 Szenen, pausenlos gespielt in 110 Minuten, nehmen in verdichteter Dramaturgie Fahrt auf.

Präzise vierzig Jahre älter ist Blums Namenskollegin, die dank Autor Heinrich Böll ihren Vornamen Katharina behalten hat. Time flies: Von Ehre, gar verlorener Ehre, ist längst keine Rede mehr. Und auch mit Katharinas Anspruch, „wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann“, gibt sich Brünnhilde nicht ab. Ihre Stichwörter sind schlechte Jugend und Rache. Sie genügt sich selbst als Rächerin, ihr Tun hat keine zwei Seiten, sie nimmt die Hilfe ihres Angestellten, des Kriegsflüchtlings Reza, bedenkenlos an. Was bedeutet Ethos? Ihr Plot muss Wirkung zeigen, nicht Hintergrund. Das Leben ist doch selbst Klischee, und Schlager-Banalität wie „Du wirst tun, was dein Herz dir sagt“ erschütternd.

Die Steigerung vom Roman zum Stück funktioniert, übertroffen von der Aufführung. Thomas Krauß hat gemeinsam mit Katharina Ganner, die auch für die Kostüme zuständig war, die Bühne weiß gekachelt, mit einem Schiffsrumpf als Mittelpunkt, der sich im technikfreien Raum bewegen lässt. Durch rasende Drehungen der mitlaufenden Blum, durch den schnellen Szenenwechsel und problemlos imaginierte Räume nimmt er die szenischen Rückblenden und die verknappte Gegenwart von Aichners Sprache auf. Deren marginale direkte Rede wurde theatertauglich ausgebaut, schmucklos in der bedingungslosen Augenblicklichkeit. Blum braucht keine Recherche, kein Versteck vor Entdeckung, die Bedingungen zum Töten fliegen ihr zu. Entworfen wie ein Computerspiel, das vielleicht einen Mord zu viel auswirft.

Lisa Hörtnagl findet mit Krauß einen guten Weg für diese Figur, zeigt mit enormem Körpereinsatz Blum als Frau, die jeder Zuschauer kennt. Jung, vital und lebenstauglich, deren im Familienglück abgedeckte Versehrtheit und Schuld mit dem Tod des Mannes und dem Wissen, was er aufzudecken begann, explodiert und sich in der scheinbar widerspruchslosen Logik des Serienmörders potenziert. Massimo, den Freund in der Krise, zeigt Frank Röder als flackernd verlorene Seele. Sara Nunius Dunja ist sentimentalfrei das Unglück in Person, Kristoffer Nowak das Vierfachopfer, der talentierte Christoph Schlag der Reza, Andreas Wobig der stets drohbereite Karrierist Schönborn, Michael Arnold Hackspiel ein Gast. Stefan Riedl, sympathischer Polizist und Ehemann, weiß von Blums Elternmord und liebt sie. Noch ein Fall für Diskussion, und wenn die danach passiert, ist vieles gut.