Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 30.06.2018


Exklusiv

Marie Chouinard: “Ich bin glücklich auf der Bühne“

Die kanadische Tänzerin und Choreografin Marie Chouinard ist Ehrengast des Impulstanz-Festivals. Ein Gespräch über Radikalität, Selbstzweifel und die Herausforderung, Künstlerin zu sein.

© imago stock&peopleMarie Chouinard zählt zu den prägendsten Choreografinnen auf dem weiten Feld des Contemporary Dance.



Wien — Nach ihren Anfängen als kämpferische Solo-Performerin gründete die 1955 in Quebec geborene Marie Chouinar­d 1990 ihre eigene Compagnie. Heuer feiert die vielfach ausgezeichnete Künstlerin, die bis 2020 zudem die Tanz-Biennale in Venedig verantwortet, ihr 40-Jahr-Bühnenjubiläum. Beim Wiener Impulstanz-Festival zeigt sie eine Anthologie ihrer Arbeiten.

Es war im Jahr 1978, als Sie Ihre erste Performance „Cristallisation" zeigten. Jetzt, 40 Jahre später, werden Sie an drei Abenden in Solos und Duetten eine Art Rückschau Ihres Schaffens präsentieren. Wie fühlt es sich an, das eigene Werk zu reflektieren?

Marie Chouinard: Es hat großen Spaß gemacht. Ich habe an den Choreografien nicht allzu viel geändert. Es war ein bisschen so wie bei Cézanne, der viele Versionen des Mont Sainte-Victoire gemalt hat, in verschiedenem Licht, aus verschiedenen Perspektiven. Grundsätzlich arbeite ich ja so, dass eine Produktion der nächsten folgt und dass sich die Arbeiten radikal voneinander unterscheiden. Hier hatte ich die Möglichkeit, Variationen von etwas Bestehendem zu machen. Manchmal habe ich die Musik geändert, manchmal die Kostüme, manchmal habe ich aus einem Solo ein Duett geformt oder umgekehrt. Ich habe das genossen und die Freude verstanden, die Cézanne vermutlich hatte, als er den gleichen Berg wieder und wieder gemalt hat.

Was ist der menschliche Körper für Sie, nach Ihren intensiven Studien und der künstlerischen Erforschung von Ausdruck?

Chouinard: Der Körper ist für mich immer noch ein Pool von Geheimnissen, von immensen Möglichkeiten. Ein verblüffender Organismus, mit unendlich vielen Schichten von Wirklichkeit und Bedeutung, Seele und Geist, der Verbindung zwischen Körper und Persönlichkeit. Tänzer sind sehr unterschiedlich und ich bin immer noch verliebt in ihr­e Präsenz auf der Bühne. Ich agiere nun mehr als Lehrmeisterin und liebe es, Tänzer bei ihrer künstlerischen Entfaltung zu begleiten. Gleichzeitig bedeutet das Arbeiten mit Körpern jedes Mal ein wahres Abenteuer. Wenn man Neues kreiert, ist es so, als würde man vor einem weißen Blatt Papier sitzen.

Sie wurden lange als radikal­e Performerin rezipiert. Hat sich Ihre Haltung zur Radikalität geändert?

Chouinard: Ich mag den Ausdruck „radikal", daher lautet auch der Titel meiner nun in Wien gezeigten Arbeit „Radical Vitality — Solos and Duets", weil die menschliche Lebenskraft radikal und extrem mächtig ist. Denken Sie an die Evolution von Einzellern zu uns heute. Diese Transformation ist gewaltig. Diese Kraft wird überleben, sie wird einen Weg finden und nicht akzeptieren, dass sie irgendwo gestoppt wird.

Wie wichtig war es für Sie, nach einer langen Periode von Solo-Arbeiten eine eigene Compagnie zu gründen?

Chouinard: Oh, das war sehr wichtig. An einem bestimmten Punkt konnte ich meine Solos nicht mehr weitermachen, da ich nie glücklich mit meinen Performances war. Das Publikum feierte mich mit Standing Ovations und ich ging in meine Garderobe und heulte. Ich zerfleischte mich mit Gedanken, wieso die mich alle gut finden. Ein Drama! So beschloss ich, Tänzer zu engagieren, denen ich sagen konnte: „Ihr seid großartig". Wenn ein Tänzer nach der Performance zu mir kam und klagte, er wäre so schlecht gewesen, dann konnte ich widersprechen und aus eigener Erfahrung Mut machen. So lange alleine auf der Bühne gestanden zu sein, war die beste Schule, um Choreografin für ein Ensemble zu werden.

Ist die Bühne für Sie persönlich noch ein anziehender Ort?

Chouinard: Ja! Ich trete nach wie vor auf, aber nur in meinen Solos. Und ich gehe nicht mehr in die Garderobe und weine (lacht). Ich bin glücklich auf der Bühne.

Man könnte meinen, dass das Feld des zeitgenössischen Tanzes vielfach von weiblichen Künstlern definiert ist. Ist es so?

Chouinard: Wenn Sie sich die Festivals in der Welt ansehen, dann gewinnt man nicht den Eindruck, dass Frauen, ob als Festivalleiterinnen oder als Performerinnen, so präsent sind. Impulstanz ist sehr offen für weibliche Performer, das ist aber nicht überall der Fall. Ich stimme dem nicht zu, dass Frauen im Tanz mehr Chancen hätten.

Wenn Sie Ihren Werdegang Revue passieren lassen: Ist es heute einfacher, Tänzerin oder Tänzer zu werden?

Chouinard: Es gab eine Evolution im Tanz. Die ganze zeitgenössische Tanzszene verfügt heute über Strukturen, so dass es natürlich leichter ist, tänzerisch zu arbeiten. Als ich begann, gab es zum Beispiel in Kanada nur eine Compagni­e für Contemporary Dance, heute gibt es Dutzende. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es für die einzelne Tänzerin, den einzelnen Tänzer wirklich einfacher geworden ist. Es ist immer schwierig, ein Künstler zu sein. Es ist schlicht nicht der einfachste Weg, sein Leben zu leben.

Hat Tanz eine Zukunft?

Chouinard: Tanz wird immer sein. Tanz wird es in 1000 Jahren noch genauso geben, wie es ihn vor 3000 Jahren gegeben hat. Machen Sie sich keine Sorgen.

Das Gespräch führte Bernadette Lietzow