Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 02.07.2018


Bühne

Stehtheater in rauen Bildern

Der „Parsifal“ an der Bayerischen Staatsoper zeigt: Was im Kunstmuseum wirkt, muss nicht auch auf der Bühne funktionieren.

© Ruth WalzTrotz Topbesetzung umstritten: Nina Stemme (Kundry) und Jonas Kaufmann (Parsifal) auf der Bühne der Bayerischen Staatsoper.



Von Jörn Florian Fuchs

München – Eigentlich ist es keine so absurde Idee, den Maler Georg Baselitz als Bühnenbildner für Richard Wagners „Parsifal“ einzuladen. Baselitz’ Ästhetik einer rauen, groben Körperlichkeit passt doch perfekt zur siechen Gralsgemeinschaft. Doch leider geht die Sache ziemlich schief. Das liegt weniger an den von Baselitz gestalteten riesigen Vorhängen mit schrundigen Figuren, die zwischen den Aufzügen herunterkommen. Diese beeindrucken wirklich. Auch einige Bildideen auf der Bühne überzeugen, ein abstrakt karger Wald zum Beispiel. Das Problem ist die völlig unausgegorene Mischung aus manchmal fast konzertantem Stehtheater und wie aus dem Nichts kommenden Einfällen (Regie: Pierre Audi). Da räkelt sich Kundry (mit gleißendem, verführerischem Sopran: Nina Stemme) im ersten Aufzug unter einem Tierskelett und entledigt sich mühsam ihres wallenden Ethnokleides, um später in züchtigem Abenddress meditativ herumzuschreiten. Die Blumenmädchen sind arg verwelkt, sie besitzen hängende Brüste mit blutroten Brustwarzen, die Herren der Gralsgemeinschaft treten ebenfalls mitunter in hässlichen Bodysuits auf. Natürlich spielt das an auf Georg Baselitz’ einschlägige Körperdeformierungen, nur was einem im Kunstmuseum direkt anspringen mag, wirkt auf der Bühne nur noch lächerlich.

Baselitz-Fans können sich diesen „Parsifal“ ruhig sparen, sollten sich aber vielleicht das Programmheft besorgen, die Genialität des Künstlers findet sich reichlich in den dort abgedruckten Bildern und Skizzen.

Musikalisch war man angesichts einer Topbesetzung rund um Jonas Kaufmann, Christian Gerhaher und Kirill Petrenko natürlich auf der sicheren Seite. War man? Nun ja, nicht ganz. Kaufmann wirkte ein wenig blass. Man hätte sich mehr Farben, mehr Erlösungsfreude gewünscht. René Pape gab einen sehr soliden, im Schlussaufzug leicht schwächelnden Gurnemanz. Das Rollendebüt von Christian Gerhaher als leidender Gralskönig Amfortas geriet eigenwillig. Gerhaher tendiert in letzter Zeit verstärkt zum Überartikulieren, manche Phrasen enden in einer Art Sprechgesang. Sehr stark indes seine Schmerzensausbrüche im dritten Aufzug. Kirill Petrenko entfacht am Pult des formidabel musizierenden Bayerischen Staatsorchesters häufig unerwartet breite Klang­räusche, schafft dann jedoch wieder wunderbar differenzierte Farbkaskaden.




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