Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 16.07.2018


Bregenzer Festspiele

“Carmen“ in Bregenz: Lasset die Spiele beginnen

Wo die Psychologie zum Raum wird: Mehr als 90 Prozent aller Karten für die heurige „Carmen“ bei den Bregenzer Festspielen sind bereits gebucht. Das Festival startet am Mittwoch mit der kaum gespielten Oper „Beatrice Cenci“.

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Von Joachim Leitner

Bregenz – Der 1935 vor den Nazis aus Deutschland geflüchtete Berthold Goldschmidt (1903–1996) komponierte die Oper „Beatrice Cenci“ – nach Percy Shelley – 1949 für einen britischen Opernwettbewerb. Dort wurde das Stück ausgezeichnet. Die geplante Uraufführung allerdings kam nicht zustande. Erst vier Jahrzehnte später kam „Beatrice Cenci“ zur, allerdings konzertanten, Weltpremiere im Rahmen einer Omnibusaufführung mehrerer Musiktheaterstücke von Emigranten. In Österreich war die Oper bislang gar nicht zu erleben, ihre Premiere am Eröffnungsabend der Bregenzer Festspiele am kommenden Mittwoch ist also zugleich eine nationale Erstaufführung. Johannes Erath, der sich durch die Werkstattbühnen-Produktion „Make No Noise“ bei den Festspielen vor zwei Jahren empfohlen hat, wird die heurige Hausoper inszenieren. Am Pult der Wiener Philharmoniker steht Johannes Debus.

Tags darauf, am Donnerstag, 19. Juli, geht dann – so Petrus mitspielt – erstmals die öffentlichkeitswirksamste Hauptattraktion der Festspiele über die Seebühne. Derzeit wird für die Wiederaufnahme von Bizets „Carmen“ noch intensiv geprobt. Obwohl „Carmen“ heuer zum zweiten Mal aufgeführt wird, gebe es keine Routine, erklärte Festspiel-Intendantin Elisabeth Sobotka. Es sei „das Wunder des Theaters, dass immer alles neu entsteht“. Gründe, an dem „genialen Wurf“, der Regisseur Kasper Holten und seinem Bühnenbildner Es Devlin im Vorjahr gelungen ist, viel zu ändern, sehe sie jedenfalls nicht, sagt Sobotka. 2017 waren alle 28 Vorstellungen ausverkauft. Heuer sind 29 Aufführungen angesetzt. Mehr als 90 Prozent der rund 200.000 Tickets sind bereits gebucht. „Bei ,Carmen‘“, sagt Regisseur Holten, „gibt es oft entweder zu viel Klischee oder das Stück gerät zu trocken.“ Wobei Letzteres in Bregenz schon ob der einzigartigen Spielstätte ausgeschlossen sei: „Luft und Wasser als Symbole für die Freiheit und das Schicksal spielen eine wesentliche Rolle. Psychologie wird hier zu Raum“, erklärt er. Im zweiten Jahr könne man leichter in die Tiefe gehen, das Arbeiten sei ruhiger.

So viel tiefschürfende Gelassenheit dürfte dieser Tage in und um die Werkstattbühne seltener anzutreffen sein. Dort kommt am 15. August „Das Jagdgewehr“ zu seiner Welturaufführung. „Ein Prestigeprojekt“, sagt Intendantin Elisabeth Sobotka. Aufmerksamkeit ist der Produktion schon allein wegen des engagierten Regisseurs gewiss: Karl Markovics, vielgepriesener Charakterdarsteller und preisgekrönter Filmemacher, gibt sein Operndebüt. Risiko sei eine „Triebfeder in meinem ganzen Schaffen. Insofern ist es fast logisch, dass ich früher oder später ein bis dato unbekanntes Feld wie die Oper zu bearbeiten versuche“, sagt Markovics über seine neue Rolle – und gibt sich selbstbewusst: „Warum soll man immer klein anfangen?“

Komponiert wurde „Das Jagdgewehr“ vom Tiroler Thomas Larcher, dessen Symphonie „Alle Tage“ auch im Rahmen eines Orchesterkonzertes der Wiener Symphoniker (6. August) in Bregenz zu erleben ist. Das Libretto verfasste Friederike Gösweiner, die 2016 für ihr Romandebüt „Traurige Freiheit“ den Österreichischen Buchpreis erhielt. „Das Jagdgewehr“ basiert auf einer Novelle des japanischen Autors Yasu­-shi Inoue (1907–1991).

Neben Markovics gibt heuer ein weiterer klangvoller Name in Bregenz sein Regiedebüt: Brigitte Fassbaender, langjährige Intendantin des Tiroler Landestheaters und den Festspielen als Lehrende am Opernstudio seit Jahrzehnten verbunden, setzt Rossinis „Der Barbier von Sevilla“ im Theater am Kornmarkt in Szene. Premiere ist am 13. August.