Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 20.07.2018


Bregenzer Festspiele

„Beatrice Cenci“: Eine Rarität, aber keine Entdeckung

Spätrömisches Laster und familiäres Leid: Berthold Goldschmidts „Beatrice Cenci“ eröffnete am Mittwochabend die Bregenzer Festspiele.

© APAOpulente Tableaus und bunte Punk-Barock-Kostümierung: „Beatrice Cenci“.



Von Joachim Leitner

Bregenz – Die Geschichte ist ebenso grausam wie historisch verbürgt: Am 11. September 1599 wurde die römische Patriziertochter Beatrice Cenci wegen Anstiftung zum Vatermord hingerichtet. Der Vater hatte ihr und ihren Geschwistern das Leben zur Hölle gemacht. Francesco Cenci war korrupt, gewalttätig, missbrauchte Frau und Kinder. Kurzum: größtdenkbares Drama. Auch weil sich die Stellvertreter Gottes im Vatikan zwar mit dem Tyrannen Francesco arrangierten, bei Beatrice hingegen keine Ausflüchte gelten ließen.

1819 verarbeitete Percey Shelley den schicksalsschweren Stoff zum romantischen Versdrama „The Cenci“. In diesem wiederum erkannte Berthold Goldschmidt – 1935 vor den Nazis nach England geflüchteter Komponist – bestes Opernmaterial. Aufgeführt freilich wurde seine 1951 vollendete Oper „Beatrice Cenci“ lange nicht. Obwohl sie beim Festival of Britain ausgezeichnet wurde. Emigranten hatten auch im Nachkriegsengland einen schweren Stand. Erst in den späten 1980er-Jahren kam die Rarität erstmals auf die Bühne, ihre deutsche Fassung wurde gar erst jetzt – zum Start der Bregenzer Festspiele am Mittwochabend – uraufgeführt. Die Pflege des lange Über- und bisweilen Unerhörten hat in Bregenz eine gewisse Tradition – und setzt einen wichtigen und programmatisch gewichtigen Kontrapunkt zum populären „Spiel am See“, wo gestern Abend die erfolgsverwöhnte „Carmen“ wiederaufgenommen wurde.

Trotzdem: Die erhoffte Entdeckung ist „Beatrice Cenci“ nicht. Sowohl Goldschmidts – zweifelsfrei an Mahler geschulter – Komposition, als auch dem Libretto von Martin Esslin, der, gut ein Jahrzehnt nach „Beatrice Cenci“, zum wegweisenden Theoretiker des Absurden Theaters wurde, fehlt es an Spannung: Die Konflikte entwickeln sich ebenso wenig wie die Charaktere, sie werden behauptet, hin- und ausgestellt.

Ein Umstand, dem auch Johannes Eraths Inszenierung Rechnung trägt: Er bringt spätrömisches Laster und familiäres Leid in Form opulenter Tableaus und bunter Punk-Barock-Kostümierung (Katharina Tasch) auf die Bühne des Festspielhauses. Alle Grausamkeit hingegen spielt sich dezent hinter den Kulissen ab. Der durchaus aktuellen Dringlichkeit des Stoffes – es geht um Allmachtsgehabe, Missbrauch und Männerbünde – versucht Erath mit schaumgebremstem Symbolismus beizukommen: Manches Bild – auf Gold gebettete Leichen – ist stimmig, andere – etwa ein in Katrin Connans klug gestaffeltes Bühnenbild projiziertes übergroßes Ohr – bleiben rätselhaft.

Musikalisch sind vor allem der erste und der zweite Akt von breiten symphonischen Bögen geprägt – die Wiener Symphoniker mit Johannes Debus am Pult machen ihre Sache auf unspektakuläre Weise gut. Wirklich kraftvoll wird „Beatrice Cenci“ aber erst im letzten Akt. Vor allem Gal James in der Titelrolle ringt dem Hoffen und Bangen einer Totgeweihten eindrückliche Momente ab. Wenn sie ihr finales Klagelied anstimmt, ist „Beatrice Cenci“ tatsächlich große Oper, reich an Farbe und Facetten – und dabei doch ganz einfach.

Davor hingegen blieb die vermeintliche Entdeckung über weite Strecken fraglos feines, eher unterkomplexes Kunstgewerbe. Gesanglich überzeugten neben James – das Premierenpublikum bedachte sie mit euphorischem Jubel – Per Bach Nissen als mancher Todsünde wahrlich nicht abgeneigter Kardinal und, in einem leider recht kleinen Part, Michael Laurenz als Mitverschwörer in Priesterrobe. Christoph Pohl hingegen blieb als tyrannischer Francesco Cenci stimmlich wie darstellerisch blass.