Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 23.07.2018


Bühne

Tiroler Volksschauspiele: Schlüpfer aus, Micky Maus

Die Tiroler Volksschauspiele ziehen blank und proben mit dem reichlich einfallsreich in Szene gesetzten Stripper-Schwank „Ladies’ Night – Ganz oder gar nicht“ den Kniefall vor ihrem Publikum.

© SchranzSechs Männer auf der Suche nach einem Ausweg ais ihren Finanznöten. Die nächste Aufführung von „Ladies’ Night“ findet heute, 19.30 Uhr, statt.



Von Joachim Leitner

Telfs – Die diesjährigen Tiroler Volksschauspiele in Telfs begannen am Samstagabend mit einer traurigen Nachricht: Alfred Kleinheinz, dieser so unaufdringlich großartige Darsteller vermeintlich kleiner Männer, ist am Freitag in München gestorben – die TT berichtete. Noch vor einem Jahr stand „Fred­i“ in Telfs als Brandner Kaspar auf der Bühne – und rang dem „Boandl­kramer“ 18 weitere Lebensjahre ab. „Im echten Leben hat er schlechter verhandelt“, sagte Volksschauspiele-Obmann Markus Völlenklee, der damals den „Boandlkramer“ spielte, in seiner Eröffnungsrede. Klein­heinz, „der alles ernster nahm als sich selbst“, dürfte es gefallen haben, dass nach Bekanntwerden seines Todes im Zirkuszelt am Thöni-Festplatz mit dem Stripper-Schwank „Ladies’ Night“ Komödie gespielt wurde. Allerdings: Er hätte sich eine bessere verdient.

„Ladies’ Night“ ist Bespaßung für breitestmögliches Publikum. Eine der – darauf wurde auch von den Volksschauspielen gern und oft hingewiesen – meistgespielten Komödien aller Zeiten. So ziemlich genau das Gegenteil eines Alleinstellungsmerkmals also. Kritik an der Stückauswahl gab es bereits, als der Spielplan publik wurde.

Nun hat die bisweilen radikal­e Befragung gut abgehangenen Bühnenmaterials gerade in Telfs eine gewisse Tradition: Schließlich traten die Volksschauspiele in ihren Gründerjahren auch mit dem Anspruch an, vielfach durchgenudelte Schönherr- und Kranewitter-Stücke auf ihr zeitloses Potenzial abzuklopfen – und in eine gegenwärtige Formensprache zu übersetzen. Ein Ansatz, der dem Festival auch über die Grenzen Tirols hinaus einige Aufmerksamkeit einbrachte.

„Ladies’ Night“ hätte also auch Rückbesinnung auf die Tugenden sein können – zumal das Stück einen durchaus ernstzunehmenden Umstand verhandelt: Es geht um Fortschrittsverlierer in strukturschwachen Gebieten, um Arbeits- und Aussichtslosigkeit, ökonomische Zwänge, zwischenmenschliche Sprachlosigkeit. Und es geht um eine Gruppe von Allerweltsmännern, die den Ausweg aus diesem Dilemma suchen, indem sie in der Hoffnung auf ein Paar Tausender blank ziehen. Regisseurin Astrid Großgasteiger interessiert sich in ihrer – etwas bemüht ins Tiroler Oberland verfrachteten – Inszenierung vornehmlich für Letzteres: „Schlüpfer aus, Micky Maus.“ Sechs Männer (Johannes Gabl, Franz Josef Strohmeie­r, Matthia­s Tuzar, Joseph Holzknecht, Philipp Dornauer und Wini Gropper) proben also die große Auszieh-Aktion. Das Warum wird zwar erzählt, dramatische Dringlichkeit freilich kommt dadurch keine auf. Manche Momente sind dabei durchaus komisch, andere beinahe berührend. Insgesamt ist „Ladies’ Night“ als recht lose getaktete Nummerrevue einigermaßen kurzweilig – aber eben auch erschreckend belanglos.

Das Ensemble müht sich sichtlich, seinen Figuren Profil in Form von Macken und Marotten zu geben. Gelingen will das aber nur Matthias Tuzar, der auf seinem Weg vom gescheiterten Selbstmörder zum selbstbewussten Stripper ein­e Ahnung von Entwicklung durchmacht. Doch selbst sein Spiel verhungert bisweilen, weil es auf Karl-Heinz Stecks mit reichlich Ölfässern vollgestellter Bühne allzu offensichtlich um nichts anderes geht, als die Zeit zur nächsten Tanzeinlage zu überbrücken. Letztlich sind die Figuren ähnlich austauschbar wie die Pointen. Daran ändern auch zwei um Intimität bemühte Szenen zwischen dem von Johannes Gabl gespielten Anführer der Auszieher im Werden und seiner einst Angebeteten (Tamara Burghart, die einzige Frau im ersten Teil der heuer herausfordernd offensiv forcierten Telfer „Männer­spiele“) wenig.

Unter Volkstheater, sagte Volkstheaterdichter und Volksschauspielvorstand Felix Mitterer Anfang des Jahres im TT-Interview, verstehe er ein Theater, das nicht belehren, aber auch niemanden für dumm verkaufen will. „Ein Theater, das sich auf Augenhöhe mit seinem Publikum weiß.“ Mit „Ladies’ Night“ gehen die Volksschauspiele vor ihrem Publikum auf die Knie.