Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 30.07.2018


Salzburger Festspiele

Wunder und Wunden in der Reitschule

Romeo Castellucci und Franz Welser-Möst mit „Salome“ von Richard Strauss bei den Salzburger Festspielen.

© X00360Intensiv, atemberaubend und perfekt. Sopranistin Asmik Grigorian als Salome bei den Salzburger Festspielen. Foto: Reuters/Foeger



Von Jörn Florian Fuchs

Salzburg – Richard Strauss ist ein Hausgott der Salzburger Festspiele, naturgemäß wird seine Oper „Salome“ alle paar Jahre dort neu in Szene gesetzt. Oder doch nicht?

Der Blick ins Archiv erstaunt: Lediglich vier Jahre stand das blutig-rituelle Musiktheater auf dem Spielplan. 1977 mit dem Kultduo Herbert von Karajan (im Graben und am Regiepult) und Günther Schneider-Siemssen (Ausstattung), Wiederholung 1978. Und 1992 mit Christoph von Dohnányi und Luc Bondy, Wiederaufnahme 1993.

Dazwischen gab es immerhin bei den Osterfestspielen eine – sehr matte – Produktion von Stefan Herheim und Simon Rattle. Nun also Franz Welser-Möst und der italienische Gesamtkunstwerker Romeo Castellucci, der wie so oft für Regie, Bühne, Kostüme und Licht gleichermaßen verantwortlich zeichnet.

Castellucci befragt besonders gern klassische Stoffe auf eine völlig neue, immer gänzlich unberechenbare Weise. In der Felsenreitschule erlebt man eine Art Meta-Salome, ein ebenso sinnliches wie kopflastiges Vexierspiel. Alles bewegt sich zwischen inszenierter Installation und tiefenpsychologischer Studie. Kopflastig ist die Sache in mehrerlei Hinsicht, einmal weil es im Programmheft kluge, für den normalen Zuseher äußerst hilfreiche Erläuterungen zu den diversen Bildideen gibt, andererseits, da der Schädel des Propheten Jochanaan, bei Castellucci wahrhaftig ganz neu gedeutet, be-lastet wird. Er fällt zwar am Schluss, jedoch kann ihn Salome nicht küssen (der sehnlichste Wunsch dieser von allen umschwärmten, nur vom – vermeintlich – heiligen Prediger verschmähten Prinzessin). Lediglich ein Torso bleibt von ihm übrig. Salome muss mit einem Pferdeschädel vorlieb nehmen, vorher sah man den sehr eleganten schwarzen Gaul meditativ im Kreis (beim Ausgang von Jochanaans Zisterne) schreiten.

Castelluccis Personal besitzt einerseits hohe Dekadenz-Kompetenz, schmierig agiert etwa der gestisch und vokal phänomenale Herodes des John Daszak, andererseits schafft er ein Ritual mit vielen Als-ob-Momenten, mit Verweisen und Symbolen. Dieses Salome-Labor verstört durch seinen Rätselcharakter, zugleich wirken die meisten Bilder unmittelbar und brennen sich ein.

Die Arkaden der Felsenreitschule sind zugemauert, brillante Farb- und Schattenspiele korrespondieren mit konkreten Deutungen.

So wird der Prophet, nachdem er sich aus (s)einer sehr düsteren Unterwelt mühsam herausgequält hat, erstmal kunstvoll abgeduscht. Salome badet, nein, trampelt in einem Milchsee, der wiederum symbolisch auf den Mond verweist. Einen Tag nach der Blutmond-Finsternis über Europa begegnet man dem Erdtrabanten nun in diversen Zuständen und Farben in der Felsenreitschule.

Die litauische Sopranistin Asmik Grigorian singt, performt, durchlebt Salome in atemberaubender Intensität und Perfektion. Ihre durchaus harte, sehr körperliche Stimme passt ideal zu Castelluccis hochartifiziellem, dabei messerscharf sinnlichem Theater. Gábor Bretz als Jochanaan ist ebenfalls brillant. Julian Prégardien überzeugt als Narraboth, er wird zu Salomes erstem Opfer, sie verschmäht ihn, er bringt sich um. Sämtliche weiteren Partien sind exzellent besetzt. Franz Welser-Möst entfacht am Pult der Wiener Philharmoniker ein wahres Nuancengewitter, intensiver, kontrastreicher, flackernder geht das nicht.

Beim Publikum kam diese Premiere gut an, es gab stehende Ovationen fürs Produktionsteam. Woher diese, durch keinerlei Buhs gestörten Reaktionen? Es liegt einerseits sicher daran, dass wir es hier mit einem wirklichen Gesamtkunstwerk zu tun haben. Andererseits besitzt diese „Salome“ – wie eigentlich alle Arbeiten Romeo Castelluccis – eine kunstreligiöse Dimension.

Solch ein Abend ist letztlich auch eine Art Messe, freilich ohne einen (christlichen) Gott. Es entsteht durch bild- und klangmächtige Überwältigung und einer mal behaupteten, mal verwirklichten Sakralität ein Angebot fürs Publikum der Postmoderne, das sich existentielle Glühpunkte heute eher in der Felsenreitschule abzuholen scheint als im Salzburger Dom während des Hochamts.