Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 31.07.2018


Bühne

Penthesilea: Im Raum des Denkbaren

Heinrich von Kleists „Penthesilea“ als Anti-Ausstattungstheater und körperbetontes Spiel der Möglichkeiten bei den Salzburger Festspielen.

© APASie würden zwar wollen, aber können dürfen sie nicht: Sandra Hüller in der Titelrolle und Jens Harzer als Achilles in Johan Simons’ Neuinszenierung von Kleists „Penthesilea“.Foto: APA/Gindl



Von Joachim Leitner

Salzburg – Es sind zwei Raubtiere, die der unbarmherzige Lauf der Welt aufeinandergehetzt hat: Amazonen-Königin Penthesilea und Griechen-Feldherr Achilles führten verfeindete Heere in die Schlacht. Dort, umgeben von mörderischem Tumult, begegnen sie einander erstmals. Sie umschleichen sich, sind alle Zeit zum Erst- und Gegenschlag bereit. Es sind zwei von der Logik des Krieges Versehrte, verloren im Willen zur Eroberung wagen sie es nicht, sich zu finden. Trotzdem: Sie lieben sich. Sie begehren einander.

In seinem Trauerspiel „Penthesilea“ entwarf Heinrich von Kleist ein Drama absoluter Ausweglosigkeit: Ein ganzes Bündel unverhandelbarer Konventionen verhindert das Glück seiner Protagonisten. Sie würden zwar wollen (und wie sie wollen), aber können dürfen sie nicht. Staatsräson, Stolz und manches Vorurteil stehen ihnen im Wege. Das zeitgenössische Urteil war eindeutig: „Fremdartig“ und „untauglich für die Bühne“ befand etwa Geheimrat Goethe, dem das Stück in seiner Funktion als Weimarer Theaterimpressario zur Prüfung vorgelegt wurde.

Für seine Schilderung des Kriegs um Troja fuhr Kleist 1808 ein ganzes Arsenal von Figuren auf – wobei er den Kern des Dramas auch von Dritten erzählen lässt: Boten berichten, Heroen, etwa der spätere Irrfahrer Odysseus, räsonieren aus der Ferne.

Für seine Neuinszenierung von „Penthesilea“ im Rahmen der Salzburger Festspiele haben Regisseur Johan Simons und sein Dramaturg Vasco Boenisch alle Rand- und Nebenfiguren gestrichen, aber deren wortgewaltiges Hörensagen behalten.

Nur Penthesilea und Achilles stehen auf der Bühne – und reden notgedrungen nicht nur miteinander und gegeneinander an, sondern oft auch aus der Distanz der dritten Person übereinander. Ganz so, als gelte es, sich des jeweiligen Zustands zu versicher: Wie kamen wir dahin, wo wir sind? Und: Muss das alles wirklich so kommen?

Zugegeben: Für den Betrachter ist das zunächst irritierend, um nicht zu sagen, etwas anstrengend. Andererseits: Auch Amazonenkriegerin und Griechenkämpfer sind zunächst darum bemüht, Platz und Haltung zu finden und zu behaupten. Alles Abmühen also hat Methode.

Auch szenisch wurde allzu Ablenkendes getilgt: Johannes Schütz’ Bühne ist leer und genauso schwarz wie Nina von Mechows Kostüme. Die einzige Lichtquelle: ein kühler Neon-Leuchtstreifen an der Rampe. Kurzum: Johan Simons, der einstige Intendant der Münchner Kammerspiele, wird ab der kommenden Spielzeit Chef des traditionsreichen Schauspielhauses in Bochum, setzt ganz auf Anti-Ausstattungstheater. Er vertraut auf Kraft des leeren Raums. Und ganz auf seine beiden Schauspieler: Sandra Hüller, langjährige Simons-Weggefährtin und hierzulande spätestens seit dem Kino-Erfolg „Toni Erdmann“ auch beim breiten Publikum bekannt, und Jens Harzer arbeiten sich ganz sprichwörtlich und kräfteraubend am Kleists’schen Blankvers ab, probieren Formen durch, kokettieren, klopfen und haken ab. Vor allem Hüller holt den Text mitunter etwas bemüht ins Heute: zischt und quietscht, rattert und rotz. Überhaupt wird viel gebrüllt und gern dazu gezuckt. Sprache wird Körper, Körper Sprache. Auch wenn die Körper das, was gerade gesagt wird, immer wieder konterkarieren. Wenn etwa in Momenten selbstvergessener Zärtlichkeit größtmögliche Grausamkeit besungen wird. Daraus entwickelt sich eine ziemlich eigentümliche Spannung, die sich in Szenen entlädt, die man wahrlich nicht kommen sieht. Irgendwann, das hingegen sieht man kommen, ist Harzer nackt – trotzdem läuft „Penthesilea“ nie Gefahr zum Kunstklischee zu verkümmern.

Dafür ist Johan Simons’ Regiekonzept zu schlüssig: Er inszeniert „Penthesilea“ als – zugegeben – bierernstes Spiel, lässt Möglichkeiten durchspielen – Achilles Tod beispielsweise, er wird von Hunden zerfetzt, gleich zweimal – und öffnet dadurch den Raum des Denkbaren: Darin lässt sich eine Liebe, die auf alle Konventionen pfeift, auf gesellschaftliche, geschlechtliche oder anderweitig wirkmächtige Übereinkünfte, leben. Ein Kampf freilich bleibt sie auch dann. Nicht nur Länder, auch Herzen wollen erobert werden. Zu Herzen geht diese etwas verkopfte „Penthesilea“, die im Herbst mit Simons nach Bochum weiterwandert, nicht. Aber an die Nieren.