Letztes Update am Di, 31.07.2018 06:54

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Festspiele Erl

Lostag für Kuhn: Künstlerin spricht von „massivem Übergriff“

Bei einer Krisensitzung in Wien entscheidet sich die berufliche Zukunft des unter Beschuss geratenen Leiters der Festspiele Erl. Mezzosopranistin Julia Oesch und ihre Kollegin Mona Somm konkretisierten im „ZiB 2“-Interview ihre Vorwürfe gegen Kuhn. Dessen Anwalt wies die Anschuldigungen zurück.

© Rudy De Moor / TTGustav Kuhn.



Erl/Innsbruck/Wien – Am Sonntag sind mit Wagners „Götterdämmerung“ die Erler Sommerfestspiele zu Ende gegangen. Endet kurz darauf auch die Ära von Festivalgründer Gustav Kuhn? Darüber wird am Dienstag in einer eilig einberufenen Krisensitzung entschieden. Nicht in Erl, sondern in Wien. Dort tagt ab 13 Uhr an einem geheim gehaltenen Ort der Vorstand der Stiftung Festspiele Erl.

Dieses Gremium umfasst nur drei Mitglieder: den Großunternehmer Hans Pete­r Haselsteiner, er ist Stiftungsinhaber, Präsident der Festspiele und ein deklarierter Förderer und Freund Kuhns; weiters Kulturlandesrätin Beat­e Palfrader (ÖVP) als Vertreterin des Landes Tirol, das die Festspiele mit jährlich 1,15 Millionen Euro unterstützt; und schließlich Jürgen Meindl, den Sektionschef im Kulturministerium, er ist sozusagen der verlängerte Arm von Kulturminister Gernot Blümel (ÖVP).

Vor der Sitzung liefen die Telefone besagter Akteure in Wien und Tirol heiß. Es wurde um eine einheitliche Linie gerungen. Palfrader und Meindl sollen dazu tendieren, Kuhn zu suspendieren, bis die Vorwürfe gegen ihn geklärt sind.

Landeshauptmann Günther Platter, Eva Luise und Horst Köhler, Gustav Kuhn, Hans Peter Haselsteiner und Kulturlandesrätin Beate Palfrader während der Eröffnung der Festspiele Erl am 5. Juli.
- APA/EXPA/Johann Groder

Künstlerin bekräftigte massive Vorwürfe gegen Kuhn

Der 72-jährige Maestro steht schwer unter Druck. Vergangene Woche haben ihm fünf ehemals in Erl engagierte Künstlerinnen „Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe“ zur Last gelegt – per offenem Brief und unter Nennung ihrer Namen. Schon zuvor war Kuhn wiederholt in ähnlicher Weise beschuldigt worden, allerdings anonym und über das Internet.

Am Montagabend konkretisierte eine der fünf Künstlerinnen ihre Anschuldigungen.Im Jahr 1999 habe es einen „massiven sexuellen Übergriff“ durch Kuhn gegeben, sagte die Mezzosopranistin Julia Oesch Montagabend gegenüber der „ZIB 2“ des ORF-Fernsehens.

Der „Maestro“ habe sie zuvor zu einem Vier Augen-Gespräch gebeten. Daraufhin habe ein Abendessen stattgefunden, bei dem auch die Eltern der Sängerin anwesend gewesen seien. „Besonders perfide“ sei zudem gewesen, dass ihr Kuhn Rollen versprochen und als „Gegenleistung“ sexuelle Dienste verlangt habe. Als sie, Oesch, Kuhn „abgewehrt“ habe, sei sie im nächsten Sommer mit einer anderen Rolle als der zugesicherten „bestraft“ worden.

Ihre Kollegin, die Sopranistin Mona Somm, berichtete indes im selben Interview davon, dass der „Maestro“ eine gute Freundin von ihr bei einem Workshop belästigt habe. Kuhn habe dieser „zwischen die Beine gefasst“. Ihre Freundin sei daraufhin aufgesprungen - und Kuhn sei ihr gefolgt, wollte sie „umarmen, küssen und fasste ihr unter ihren Rollkragenpullover“. „Sie konnte sich mit großer Mühe dagegen wehren“, so Somm.

„Man schämte sich dafür, dass man so angreifbar war“, begründete Oesch die Tatsache, dass man jahrelang über die angeblichen Übergriffe geschwiegen hatte. Man habe stark sein wollen und sich nicht „die Würde nehmen lassen“.

Kuhns Anwalt weist Vorwürfe zurück

In der „ZIB 2“ zu Wort kam auch Kuhns Anwalt, Ex-Justizminister Michael Krüger. „Die Vorwürfe stimmen mit Sicherheit nicht. Mein Mandant hat die Vorwürfe glaubwürdig bestritten“, meinte Krüger. Die Staatsanwaltschaft Innsbruck habe überdies bis dato keine Veranlassung gesehen, den künstlerischen Leiter Kuhn in den „Beschuldigtenstatus“ zu heben. Es gebe nicht einmal einen Anfangsverdacht, so der Anwalt.

Auch Kuhn selbst meldete sich am Montag zu Wort - über Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner. „Im Auftrag von Dr. Kuhn darf ich Ihnen mitteilen, dass er – zumindest was die fünf in Rede stehenden Damen betrifft – jeden wie immer gearteten sexuellen oder erotischen Kontakt ausschließen kann“, hieß es in einer schriftlichen Stellungnahme Haselsteiners gegenüber dem ORF.

Berufliche Zukunft Kuhns ungewiss

Der Staatsanwalt ermittelt – und zwar noch einige Wochen lang, wie am Montag zu erfahren war. Eine der fünf Künstlerinnen wird schon in Bälde in Deutschland zu ihren Vorwürfen einvernommen. Bei den restlichen vier, sie stammen allesamt ebenfalls aus dem Ausland, steht man erst am Anfang.

Nach den Statuten der Stiftung Festspiele Erl könnten Palfrader und Meindl Haselsteiner im Vorstand mit 2:1 überstimmen und Kuhn beurlauben. Doch das wäre ein Affront gegenüber dem mächtigen Haselsteiner, der viel privates Kapital in die Festspiele (neues Festspielhaus) gesteckt hat. Daher ist es gut möglich, dass Palfrader und Meindl auf die Linie Haselsteiners einschwenken. In diesem Fall würde Kuhn unangetastet im Amt bleiben – und das Ergebnis der Staatsanwaltschaft abgewartet.

In Erl plant man jedenfalls die kommende Herbst- und Wintersaison mit Kuhn, dessen Vertrag noch bis 2020 läuft (sein Nachfolger soll noch heuer bestellt werden). Kuhn wird sich nach der Aufregung der letzten Tage über den Sommer in sein Domizil in der Toskana zurückziehen.

Die Zugkraft der Festspiele Erl hat unter der Causa Kuhn nicht gelitten. Die Auslastung stieg nach Angaben der Festivalleitung gegenüber 2017 um fast acht Prozent. Etwa 20.000 Zuseher wurden verzeichnet. In Erl waren die Befürchtungen vor dem Saisonstart Anfang Juli groß gewesen: von Demonstrationen über Buhrufe gegen Kuhn bis zu massenhaft retournierten Tickets. Nichts davon war der Fall. (TT/APA)




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