Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 01.08.2018


Salzburger Festspiele

Raumgreifendes Begehren

Die Salzburger Festspiele verbringen dieser Tage Zeit mit einem großen Zeitgenossen: Den Auftakt des ihm gewidmeten Programmschwerpunkts dirigierte Beat Furrer selbst.

© Salzburger Festspiele/BorrelliBeat Furrer war 2015 Composer in Residence der Klangspuren Schwaz.



Salzburg – Ein Blick und alles ist verloren. Mit kaum einem anderen Stoff haben sich Komponisten in der Musikgeschichte häufiger und kontroverser beschäftigt als mit „Orpheus und Eurydike“. Die Folge von Orpheus’ Sich-Umwendens fällt immer anders aus. „Begehren“ ist das Ergebnis von Beat Furrers Befragung des antiken Mythos.

Am Montagabend kam „Begehren“ in der Salzburger Kollegienkirche zur konzertanten Aufführung. Wie schon bei der Grazer Uraufführung 2003 dirigierte der zuletzt mit dem hochdotierten Ernst-von-Siemens-Preis (250.000 Euro) ausgezeichnete Komponist selbst.

Die Salzburger Festspiele widmen dem 1954 im Schweizer Schaffhausen geborenen Komponisten heuer einen programmatischen Schwerpunkt, die Reihe „Zeit mit Furrer“. Vier Abende beschäftigen sich mit seinem Schaffen, setzen es in Kontext zu anderen Ansätzen oder stellen es alleine aus. Furrers Oper „Begehren“, nach Texten von Ovid, Vergil, Hermann Broch, Cesare Pavese und Günter Eich, machte den Auftakt. Anhand der langen Reihe der Autoren wird erkenntlich: Furrer ist vielseitig belesen. Die Auseinandersetzung mit Literatur spielt eine wesentliche Rolle im Kompositionsprozess des Mitgründers des Klangforums Wien.

Die Vielzahl der literarischen Vorlagen ist dabei allerdings keine Auswahl an Textstellen, sondern ein klug gesetztes Puzzle, bei dem sich jedes Teil von einer anderen Quelle speist. Die Sprache wird zum Sinnbild der Distanz zwischen den beiden Liebenden, die Furrer zwar nach antikem Vorbild gewählt, allerdings schlicht mit „Er“ und „Sie“ benannt hat. „Er“ bedient sich der gesprochenen Sprache als Ausdrucksform, „Sie“ der gesungenen. „Er“, Christian Reiner, spricht die Textmontage, mal stotternd, wiederholend, Worte suchend. „Sie“, Katrien Baerts, singt, atmet und spricht sie auch manchmal, eine einheitliche gemeinsame Art zu kommunizieren, finden sie nicht. Am stärksten kommt dieses Prinzip zum Ausdruck, wenn sich die beiden scheinbar auf derselben Ebene, im gegenseitigen Einvernehmen also, befinden: „Sie“ allerdings auf Latein singt und „Er“ auf Deutsch spricht. Verständnisvolle Missverständnisse.

Der Chor Cantando Admont und das hochkonzentrierte Klangforum Wien nehmen dazwischen meist eine kommentierende Haltung ein, schließen sich aber auch an die Texte an und führen sie weiter: Aufbrausend ist hier gar nichts, Furrer setzt ganz auf die Wirkung einzelner Töne, die er präzise und doch zog tastend setzt. Die Kollegienkirche scheint für dieses Verfahren ein idealer Spielort zu sein: Sie wird zum weitläufigen Klangraum, zum raumgreifenden Klangkörper.

Insgesamt zehn Szenen zeigen die Figuren in verschiedenen Stadien des Erinnerns und des Suchens. „Ich kann zu dir sprechen, als wärst du hier“, sagt „Sie“. Antwort freilich vernimmt sie keine. Auch nach eineinhalb Stunden, als sich Furrers Musiktheater langsam dem Ende neigt, bleiben die großen Fragen offen. Wird es je eine Begegnung geben? Furrer, ganz der viel gepriesene „Meister leiser Töne“, lässt diese Frage leicht, ganz sanft, beinahe zärtlich verklingen. Die Publikumsreaktion darauf lässt sich gegenteiliger kaum denken: langer, euphorischer Applaus.

Gestern Abend dann, Teil zwei der „Zeit mit Furrer“: Zwei seiner Kompositionen (invocatio VI und intorno al bianco) im Dialog mit den Klängen aus dem Spanien der Renaissance, Tomás Luis de Victorias Requiem Missa pro defunctis. (TT, APA)