Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 05.08.2018


Bühne

Der schmale Grat zwischen Spaß und Drama

Grandios – der Operettensommer übertrifft sich mit seiner „Anatevka“-Inszenierung selbst. Gerald Pichowetz als Milchmann ist der Star des Abends.

© Monika Baumgartner als Golde und Gerald Pichowetz als Tevje mit Hanna Kastner (Mitte), die Oma Zeitels Geist spielte. Foto: Osterauer



Von Wolfgang Otter

Kufstein – Wer hat noch nicht davon geträumt, reich zu sein? Und dann einmal auf eine Weltreise zu gehen. Nur: Wenn schon, dann sollte man vorher noch den Weg auf die Festung Kufstein auf sich nehmen, um sich ein­e Aufführung des Musicals „Anatevka“ anzusehen, bevor man in das Flugzeug steigt. Sonst würde man eine der besten Aufführungen aller bisherigen Produktionen des Operettensommers Kufstein versäumen. Hauptverantwortlich für den fulminanten Erfolg sind neben einem hervorragenden Ensemble die ausgezeichnete Inszenierung von Diethmar Straßer und ein fast schon genialer Gerald Picho­wetz als Milchmann Tev­je. Kautziger, lustiger, aber auch dramatischer geht es nicht mehr. Kongenial begleitet von Monika Baumgartner als seine Ehefrau Golde.

An genau so einen Darsteller wie Pichowetz dürfte Joseph Stein in den 1960er-Jahren gedacht haben, als er die Figur nach dem Roman „Tewje, der Milchmann“ von Scholem Alejchem für das Musical „Der Fiedler auf dem Dach“ kreierte. Was Stein und Jerry Bock (Musik, Liedtexte Sheldon Harnick) vorlegten, unterschied sich ganz entscheidend von damaligen Stücken. Das Musical brachte das Thema Pogrom an den Juden an die Öffentlichkeit und löste damit auch Befremden beim Publikum aus. Erst nach und nach begann der Siegeszug. Musikalisch ist es besonders das Lied „Wenn ich einmal reich wär“, das losgelöst vom Musical bekannt wurde.

Es ist der schmale Grat zwischen Spaß und tödlichem Ernst, der den ganz besonderen Reiz des Stückes ausmacht. Und dafür hätte sich der Operettensommer keinen besseren Regisseur als Diethmar Straßer holen können. Seine temporeiche Inszenierung zeichnet ein kleines fiktives Dorf namens Anatevka in der Ukraine, in dem Tradition ganz wichtig ist. So denkt man. In Wahrheit schmelzen die Traditionen wie Schnee dahin, wie Straßer meint und es folgerichtig auch zeigt. Tevje ist mit fünf Töchtern gesegnet und einem guten Herzen. Aber er ist ein Gefangener der Tradition, aus der seine Töchter ausbrechen (die älteren drei gespielt von Hanna Kastner, Maria Ladurner und Valerie Luksch, die genauso schauspielern wie auch singen können!). Dazu kommt noch seine ständig keifende und mit Hilfe der Heiratsvermittlerin Jente (Bravo, Gabriele Dossi!) nach dem perfekten wohlhabenden Ehemann für ihre Töchter suchende Frau Golde (Monika Baumgartner, die genauso begeistert und einen großen Anteil am Erfolg hat). Die Eltern müssen letztlich ihre Töchter mit den Männern ziehen lassen, welche diese selbst gewählt haben (hervorragend Wolfgang Resch, Georg Klimbacher und Paul Graf). Und noch dazu beginnt die Welt um das kleine Dorf herum immer unfreundlicher zu werden. In den Nachbardörfern werden die Juden vertrieben und auch die Koffer in Anatevka sind bereits gepackt (die gelungene Ausstattung und das tolle Bühnenbild stammt von Andrea Kuprian-Maier, Kostüme mit Hilfe der Modeferrari der Ferrarischule Innsbruck).

Lang ist die Liste derer, die dazu beitragen, dass „Anatevka“ so gut gelingt: Hervorzuheben ist aber auch Josef Forstner als ehewilliger, witziger Lieblingsgegner von Tev­je, aber auch Katharina Ikonomu, Hubertus Reim, Simon Fischerauer, Heinz Fitzka, Daniel Strasser und Joachim Moser sind zu nennen. Erfreulich, dass der Operettensommer auf regionale Schauspieler und Sänger zurückgreift. So stehen auch Georg Anker und Herbert Oberhofer (Stadttheater Kufstein) mit einer tadellosen Leistung auf der Bühne. Genauso das Europaballett St. Pölten (Choreografie Harald Baluch), dazu die sicher spielenden Orchestermusiker aus Timisoara (als Fiedler Ovidiu Rusu) und der Wiener Volksoperchor. Das Ganze hält mit sicherer Hand und passenden, gut gewählten Tempi Dirigent Gerrit Prießnitz bei seinem Operettensommer­debüt zusammen. Ein pauschales Bravo an alle. Eine bessere erste Produktion hätte sich der Künstlerische Leiter Sascha Nader nicht wünschen können. Das Publikum dankte es mit Standing Ovations am Ende.

Und während man den Festungsberg wieder herunterging, summte man nicht nur das berühmte Lied vom „reichen Mann“ vor sich hin, sondern dachte auch, wie reich doch einem so ein Abend machen kann. Weitere Informationen: www.operettensommer.com.




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