Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 06.08.2018


Salzburger Festspiele

Frank Castorf: Einer geht noch

Frank Castorf verknüpft Knut Hamsuns Romane „Hunger“ und „Mysterien“ zur knapp sechsstündigen Versuchsanordnung über Wahn in ermüdend vielen Variationen.

© APADauererregung zum Quadrat: Marc Hosemann in der Salzburger Festspiel-Produktion „Hunger“.



Von Joachim Leitner

Salzburg – Strapaziös ist sie geworden, die zweite Schauspielpremiere der diesjährigen Salzburger Festspiele. Aber das war erwartbar. Frank Castorf steht wahrlich nicht im Ruf, dramatische Leichtkost aufzutischen. Und als Tiefstapler gilt er auch nicht. Viereinhalb Stunden Spieldauer gab das Programmheft für „Hunger“ das jüngste, insgesamt dritte Salzburg-Festspiel des langjährigen Intendanten der Berliner Volksbühne an. Sechs Stunden sind es am Samstagabend in der altehrwürdigen Offtheater-Salinenhalle auf der Halleiner Perner-Insel dann geworden – eine angesichts des Andrangs an Verköstigungsbuden recht knapp bemessene (Atem-)Pause miteingerechnet.

Dass manche Premierengänger das Päuschen nutzten, um dem „Hunger“ auf Nimmerwiedersehen zu sagen, war auch erwartbar. Genauso wie der beherzte Jubel derer, die bis zum Schluss durchgehalten haben. Er galt nicht nur der Hochenergie-Performance des Ensembles oder Castorf selbst (an den auch vereinzelte, ziemlich erschöpfte Buh-Rufe adressiert wurden), sondern wohl auch dem Publikum selbst. Auch das ist inzwischen Tradition. Castorf-Theater ist immer auch die Frage: Wer hat den längeren Atem? Und hat man seine Kondition einmal bewiesen, darf man sich – um eine Erfahrung und etliche Erkenntnisse reicher – schon mal selbst applaudieren.

„Hunger“ basiert auf dem gleichnamigen Debütroman des späteren Nobelpreisträgers und norwegischen Nazi-Kollaborateurs Knut Hamsun. Und Castorf und sein Dramaturg Carl Hegemann haben Hamsuns zweiten – ungleich obskureren – Roman „Mysterien“ gleich dazugepackt für ihre großformatige Untersuchung wahnhaften Verhaltens physisch wie psychisch angeschlagener Biedermeier.

Geht es in „Hunger“, kurz gesagt, um den Verfall eines angehenden Schriftstellers, erzählt „Mysterien“ von einem extravaganten Hochstapler, der als selbsterklärter „Ausländer des Daseins“ zwischenmenschlich versagt und vom eigenen Anspruch, einen Mord aufzuklären, den es vielleicht gar nicht gab, beinahe in den Suizid getrieben wird. Das sollte man wissen, bevor man sich auf Frank Castorfs Hungry Mystery Tour de Force begibt – denn deren narrativer Faden ist dünn. Bisweilen bleibt er gar bloßer Vorwand, um über anderes nachzudenken. Über was jedoch, bleibt für den Betrachter mitunter im Dunkeln. Letztlich folgt alles dem bewährten Verfahren geübter Witzbolde: Einer geht noch. Irgendwo lässt sich immer noch was draufsetzen, eine Slapsticknummer hier, ein Zwiegespräch von Würstchen und Pommes dort. Manches ist dabei brillant, anderes erhellend, oft allerdings wird’s schlicht und ergreifend ermüdend.

Optisch freilich ist „Hunger“ beeindruckend: Aleksandar Denic hat eine dreh- und begehbare Kulissenstadt gebaut: Treppen, Verschläge, Zimmer, ein Baracken-Hinterhof und ein seit Jahren weltweit anzutreffendes Schnellrestaurant amerikanischen Ursprungs. Dort werden selbst den besserbetuchten Bürgern Einheits-Burger aufgetischt. Drapiert ist die ganze Bühnenstadt mit mehr oder weniger offensichtlichen Hinweisen auf die NS-Nähe Knut Hamsuns. Nicht nur dessen Frühwerk, auch der vom Dichter später hochverehrte Adolf Hitler war in jungen Jahren schließlich Hungerleider. „Swastika! Swastika! Swastika!“, schreit denn auch Marc Hosemann gleich zu Beginn – falls jemand die vergleichsweise leicht zu entschlüsselnden Bilderrätsel übersehen hat. Subtil ist weder die Inszenierung – die, auch das typisch für Castorf, gerade im zweiten Teil zunehmend zur live übertragenen Reality-TV-Show verkommt – noch das Spiel des Ensembles: Es wird gebrüllt, geächzt und ebenso hingebungsvoll wie hysterisch gewütet. Marc Hosemann gibt dem Hungernden mit martialischer Selbstvergessenheit und monströser Mimik – hier sind die Videogroßaufnahmen tatsächlich ein Geschenk: Dauererregung zum Quadrat. Sophie Rois und Kathrin Angerer, als aufgetakelte Schicksen von fragwürdiger dramaturgischer Funktion, gestalten ihre mächtigen Monologe zu noch mächtigeren, permanent von Heiserkeit bedrohten Arien aus – bisweilen gab es dafür Szenenapplaus. Daniel Zillemann und Josef Ostendorf beweisen, in wohl wechselnden Rollen, dass auch Geschrei facettenreich sein und zur Grundlage ironisch-erbaulicher Gesangsduette werden kann. Lilith Stangenbergs ebenfalls eher lautstark angelegtes Porträt einer hoffenden Femme fatale besticht im Leiden und Mitleiden durch mitreißende Körperlichkeit. Nur Lars Rudolph legt seine Parts ruhiger, nuancierter an. Dafür darf er gegen Ende umso verbissener die Trompete blasen. Der junge Rocco Mylord hingegen müht sich sichtlich, mit diesen im besten Sinne „Bühnenviechern“ mimisch und gestisch mitzuhalten. Etwas Luft nach oben gibt es da noch – Frank Castorf wird sich darum kümmern: Er ist der Vater des 17-Jährigen.