Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 10.08.2018


Salzburger Festspiele

„Kommt ein Pferd in die Bar“: Ermüdender Seelenstriptease

David Grossmans Roman „Kommt ein Pferd in die Bar“ erstmals in Theaterform bei den Salzburger Festspielen. Ein kräfteraubendes, überlanges Beinahe-Solo für Schauspielstar Samuel Finzi.

© s ä#ä #sä#s äSehnsucht nach der Embryostellung: Dov (Samuel Finzi) und Pitz (Mavie Hörbiger) beim Versuch einer Annäherung.Foto: Salzburger Festspiele/Bernd Uhlig



Von Markus Schramek

Salzburg – Gemein! Beim Eintreffen des Publikums, seines Publikums wohlgemerkt, gibt Dov Grinstein den Crooner. Trällert Gassenhauer anglo-amerikanischer Provenienz, von Zappas „Bobby Brown“ bis Dean Martins „That’s Amore“. Kaum aber haben auch die letzten Premierengäste ihre Plätze gefunden, da ändert Dov den Kurs radikal in Richtung Beschimpfung. Der Herr in Reihe 3 „sollte progressive Fleischsteuer“ bezahlen, fett wie sein Kinn ist. Und die Dame ein paar Sitze weiter trägt wohl „Botox deluxe“ im Gesicht?

Wir Zuhörer kennen Dovs Tiraden schon. Alleinunterhalter vulgo Stand-up-Comedian ist er von Beruf. Als Romanfigur in David Grossmans „Kommt ein Pferd in die Bar“ tauchte der jüdische Brachial­komiker vor zwei Jahren im gut sortierten Buchhandel auf. Regisseur Dušan David Parízek verfrachtete das viel beachtete Print-Elaborat des Israelis auf die Bühnenbretter des Theaters „Republic“ in Salzburg. Mittwochabend war Premiere und deutschsprachige Erstaufführung im Rahmen der Festspiele.

Samuel Finzi, omnipräsenter Schauspieler zwischen „Tatort“-Krimis und Auftritten in den großen Theatern des deutschen Sprachraums, gibt den Dov. Es wird ein Beinahe-Solo für den 52-jährigen Mimen über eine pausenlose Spielzeit von 2 Stunden 40.

Speedig, wie aufgedreht, lässt Dov derbe Sprüche, anzügliche Witze und offene Beleidigungen vom Stapel. Hart zu den Gästen, hart zu sich selbst. In einem Anfall von Selbstzerstörung drischt er auf sich ein. Sein grauer Glänz-Anzug vom Typ schmieriger Salonlöwe ist alsbald ramponiert, Dovs Gesicht blutverschmiert. Per Hand-Kamera wird seine geschundene Visage auf eine riesige Videowall übertragen: Seht her, dieser Mann ist am Ende!

Plötzlich kracht es. Draußen entlädt sich ein Gewitter, drinnen fällt eine Holzwand unter lautem Getöse um. Mit der Requisite kippt auch die Stimmung. Dov hat seinen Schutzschild verloren. Er wirkt nun weinerlich statt angriffig, entschuldigend statt verletzend. Im Publikum macht er eine Bekanntschaft aus Kindheitstagen ausfindig: Pitz, ein zartes, kleines, weibliches Wesen (gespielt von Mavie Hörbiger).

Deren Auftauchen wirft Dov um Jahrzehnte zurück. Man weiß es: In der Kindheit liegt die Wurzel für das Drama des Erwachsenen. Im Falle Dovs war es ein Todesfall in der Familie. Da war er erst 14 und zur Ausbildung in einem Camp, das aus jungen Israelis später wehrhafte Soldatinnen und Soldaten machen soll. In der Wüste ereilte den jungen Dov die Kunde, dass er zu einer Beerdigung heimreisen müsse. Endlos lange dauerte die Fahrt nach Jerusalem. Die ganze Zeit zermarterte sich Dov das Hirn darüber, wer gestorben sei: Der zu Schlägen mit dem Gürtel neigende Vater? Oder die herzensgute Mutter, eine Bewunderin von Dovs komischem Talent?

Erst am Grab wird es zur Gewissheit: Es ist die Mutter. Wäre ihm der Vater in toter Form lieber gewesen? Dov fühlt sich schuldig dafür, solche Überlegungen auch nur angestellt zu haben. Auch heute noch, an seinem 57. Geburtstag, an dem er zum Seelenstriptease vor zahlendem Publikum antritt.

Die Salzburger Inszenierung bewegt sich nahe an der literarischen Vorlage – zu nahe. Die meisten Gags und Pointen kennt man noch. Samuel Finzi reibt sich auf, er steht im Ganzkörpereinsatz, turnt und tanzt und singt – und lässt Tonnen von Text auf uns los. Seine wachsende Erschöpfung ist nicht nur gespielt. Der Anfangselan verpufft. Verstohlen blickt man auf die Uhr. Mavie Hörbiger tritt nur zeitweise in Erscheinung, feenhaft, fragil, als Stichwortgeberin oder als Korrektiv, wenn Dov wieder einmal Fakten verdreht oder sich heillos verhaspelt.

Am Ende ist Dov „a bissele müde“. Seine Zuhörer sind es auch – jene, die noch da sind. Einige streichen vorzeitig die Segel. Ein älterer Herr steht auf, gar nicht besonders unauffällig oder leise. Er nimmt den Ausgang neben der Bühne, gut sichtbar für Dov alias Samuel Finzi. „Schalom!“ ruft der Schauspieler dem vorzeitig weichenden Theaterbesucher nach. Der hebt nur grüßend den Arm und geht.

(„Kommt ein Pferd in die Bar“ steht in Salzburg bis 23. August auf dem Programm. Alle Vorstellungen sind ausverkauft. Am 5. September übersiedelt das Stück in das Akademietheater in Wien.)