Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 13.08.2018


Exklusiv

Unfähig, einander zu begreifen: Thomas Larcher im Interview

Im Auftrag der Bregenzer Festspiele schrieb Thomas Larcher mit „Das Jagdgewehr“ seine erste Oper, Karl Markovics inszeniert. Uraufführung ist am Mittwoch auf der Bregenzer Werkstattbühne.

© Richard Haughton „Ich wollte Handlung, dramatische Kraft“, sagt Thomas Larcher. Autorin Friederike Gösweiner schrieb das Libretto für ihn.Foto: Richard Haughton



Wie haben Sie auf das Angebot reagiert, für die Bregenzer Festspiele eine Oper zu schreiben?

Thomas Larcher: Elisabeth Sobotka hat mich Anfang 2013 gefragt, ob ich Interesse hätte, eine Oper zu schreiben. Das hat mich sehr gefreut, vor allem deshalb, weil es sich bei Bregenz nicht um ein Spezialistenfestival für so genannte Neue Musik handelt, sondern um ein Festival, das Sphären miteinander verbinden will. Damals, so kommt es mir vor, hatte sich so etwas wie ein kleines politisches Sonnenfenster über Österreich etabliert, man konnte noch von einem offenen gesellschaftlichen und kulturellen Klima sprechen. Heute liegt eine bleierne Schwere über dem Land, die Menschen werden von Populisten und Rechtsextremen vor sich hergetrieben, die Klimakatastrophe hat sich auch bei uns manifestiert, Intellektualität ist in vielen Kreisen zu einem Schimpfwort geworden und Empathie hat keinen Platz mehr in unserem Land. Ich verknüpfe hier Politisches mit Persönlichem, ich weiß. Aber ich denke oft mit Wehmut an jene Momente zurück, wie auf eine längst vergangene Zeit.

Warum fiel Ihre Wahl auf Yasushi Inoues „Das Jagdgewehr", eine japanische Erzählung von 1949?

Larcher: Eine Oper zu schreiben, ist nach so vielen Versuchen, sich Vokalmusik zu erschließen, ein logischer Schritt. Allerdings flog mir der richtige Stoff natürlich nicht von selber zu. Auf der einen Seite wollte ich ein Werk schreiben, das eine Handlung hat, dem eine dramatische Kraft innewohnt. Anders gesagt: Ich wollte kein „modernes, assoziatives" Musiktheater schreiben. Auf der anderen Seite sind viele Opernstoffe, um es freundlich zu sagen, ziemlich dämlich. Eine neue Oper muss eine Bedeutung für unsere Zeit beanspruchen können, sie muss ein philosophisches Fundament haben, das viel mehr tragen kann als, wie in diesem Fall, eine Dreiecksgeschichte.

Der Begriff, der in der Novelle von Inoue hinter allem hervorleuchtet, ist die Einsamkeit. Es geht um die Unfähigkeit der Menschen, miteinander sprechen zu können, den anderen „begreifen" zu können. Und es geht auch um die Kraft des Schreibens und dessen Funktion, Dinge festzuhalten, zu klären und zu bewältigen.

Lassen Sie sich in der Vokalmusik auf die textlich vorgegebene Begrifflichkeit ein oder geht es um etwas anderes?

Larcher: Ingeborg Bachmann beschreibt Dichtung und Musik als Geschwisterkünste, die „ein Miteinander erlangen können ? Auch die Musik erlangt mit Hilfe der Worte ein Bekenntnis, das sie sonst nicht ablegen kann." Eigentlich sagt Bachmann hier alles, was dazu zu sagen ist. Ohne vor vielen Jahren aus reinem Zufall auf Texte gestoßen zu sein, von denen ich mir vorstellen konnte, sie zu vertonen, wäre ich wohl kein Komponist mehr geworden. Auf jeden Fall nicht der, der ich heute bin. Texte können inspirieren, Strukturen vorgeben, sie sind in der Lage, die Musik inhaltlich festzubinden wie ein Anker das Schiff, und sie ermöglichen damit der Musik eben auch, sich in der Gesellschaft und der Politik zu verorten. Ich bin sehr dankbar, diesen Zugang gefunden zu haben.

Die Autorin Friederike Gösweiner hat aus Inoues „Das Jagdgewehr" das Libretto für Sie geschaffen.

Larcher: Gerade meine Art des Komponierens, das jedem einzelnen Wort auf den Grund gehen will, verlangt auch nach einem komprimierten Libretto. Diese Quadraturen mehrerer Kreise bewältigt und geschaffen zu haben, ist die große Leistung von Friederike Gösweiner. Ohne von Friederike auf diesen Stoff gebracht worden zu sein und ohne ihre tiefe Durchdringung des Buchs und ihre umfassende Logik, gäbe es das alles jetzt auf keinen Fall.

Karl Markovics inszeniert mit „Das Jagdgewehr" seine erste Oper. Ist es als Komponist schwer, sein Werk in fremde Hände zu geben?

Larcher: Ich habe mich, ohne die ganzen Vor- und Recherche­arbeiten mit einzubeziehen, über zweieinhalb Jahre täglich mit diesem Stoff und mit der Komposition auseinandergesetzt. Wir haben beide, Librettistin und Komponist, bis zum letzten Satz am Text gefeilt, ihn immer wieder durchleuchtet. Dies alles dauerte bis Ende April des heurigen Jahres. Ich glaube, dass wir beide noch gar keine richtige Distanz, keinen objektiven Blick von außen auf all das haben können, umso mehr, als ich seitdem auch laufend mit Sängerinnen und Sängern, Musikern und natürlich auch mit Karl und seiner Ausstatterin Katharina Wöppermann arbeite.

Wenn ich nicht in der Lage wäre, loszulassen und mich jetzt auf die musikalische Umsetzung zu konzentrieren, dann würde ich wahrscheinlich wahnsinnig. Das will ich nicht, also hat sich die Frage, ob man etwas schwer weggibt, erst gar nicht gestellt. Das Werk wird unabhängig von mir seinen Weg gehen: Nächstes Jahr zum Aldeburgh Festival, bei dem ich „Composer in Residence" sein werde, danach wahrscheinlich nach Amsterdam. Und es gibt Interesse von verschiedensten Seiten für Neuproduktionen.

Was sind Ihre nächsten Vorhaben?

Larcher: In den nächsten Jahren folgen einige so genannte „residencies", ab Herbst beim BBC Symphony Orchestra, danach im Amsterdamer Concertgebouw, 20/21 in der Londoner Wigmore Hall. Daneben gibt es andere Aufführungen mit Orchestern von New York bis Helsinki. Ich werde eine neue Symphonie, u. a. für das „Mahlerfest" des Concertgebouw für 2020 schreiben. Es gibt auch weitere Pläne, etwa für ein großes Stück für Chor und Orchester, von denen ich noch nichts erzählen darf.

Das Problem am Komponieren in diesen Zeithorizonten der großen Orchester und Festivals ist oftmals: Wie soll ich im Jahr 2018 wissen, was ich für 2024 komponieren will und möchte?

Gibt es ein Herzensprojekt, das hinter Ihren Aufträgen wartet?

Larcher: Ich bin sehr glücklich, mich an den Tisch setzen zu können und an den Projekten zu arbeiten, die ich machen will. Ich nehme keine Aufträge an, um irgendetwas zu erfüllen, sondern ich muss sie immer mit meinen musikalischen und inhaltlichen Vorhaben und Überlegungen in Deckung bringen können. Es ist ein großes Privileg, so arbeiten zu können. Allerdings träume ich oft von dem Moment, an dem ich genau in der gleichen Weise zu meinem Tisch gehe, um zu komponieren, allerdings ohne Termindruck.

Stoeger Prize, Österreichischer Kunstpreis, British Composer Award usw. — nun ist zum Ernst-Krenek-Preis der Stadt Wien zu gratulieren. Was bedeuten Ihnen die Preise, was bewirken sie?

Larcher: Als freischaffender Komponist zu (über)leben, ist alles andere als leicht, auch wenn man bei berühmtesten Ensembles und Festivals arbeiten darf. Preise bedeuten Wertschätzung, ermöglichen andererseits auch einen kleinen Freiraum, manchmal können sie auch Ängste besänftigen, die man hat, wenn man glaubt, man muss einen Auftrag zurücklegen, weil man vor einer virtuellen, unüberwindbaren Mauer steht ...

Yasushi Inoue sagt in „Das Jagdgewehr": „Natürlich ist es töricht, um jeden Preis von anderen verstanden werden zu wollen." Hat er Recht?

Larcher: Ja.

Das Gespräch führte Ursula Strohal