Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 22.08.2018


Barockoper:Jung

Vom Affekt in die Stille der Natur

Die beliebte Festwochen-Freilichtaufführung Barockoper:Jung führte mit Cavallis zweiter Oper nach Venedig.

© Innsbrucker Festwochen/LarlNaturnah und in aller Unschuld verführerisch verweigert sich die schöne Nymphe Dafne (Sara-Maria Saalmann) der Liebe.



Innsbruck – „Gli amori d’Apollo e di Dafne“ von 1640 ist die ungewöhnliche Geschichte einer Liebe, die Komponisten vom ersten Opernversuch um 1600 bis Richard Strauss im 20. Jahrhundert beschäftigte. Dafne verweigert sich der Liebe um ihrer Freiheit willen und weist selbst den Sonnengott Apollo ab. In ihrer eigenwilligen Form von Emanzipation bittet sie schließlich darum, in einen Baum verwandelt zu werden.

Francesco Cavalli nahm in seinem zweiten dramatischen Werk die Einflüsse seines Lehrers Monteverdi auf, der zwei Jahre nach dieser „Dafne“ in Venedig seine letzte Oper, „L’incoronazione di Poppea“, herausbrachte. Während Monteverdi, der die Affekte des Gesanges schon früher auf die Instrumente übertragen hatte, hier einen durchkomponierten Stil erreichte, bewegte sich Cavalli in rezitativischer Affektsprache und Ariosi auf dem Weg zur geschlossenen Arienform und präsentiert auch schon zwei schöne, typische Lamenti.

Mit Giovanni Busenello hatte er denselben Librettisten wie Monteverdi, freilich ein offenes Szenario, das freie Szenen aneinanderreiht und erst allmählich zum Kern der Geschichte kommt. Eine junge Sängerriege, überwiegend (wie es für diese Schiene Barockoper:Jung angedacht ist) Finalisten des Innsbrucker Cesti-Wettbewerbs, steht auf der Freilichtbühne im Hof der Theologischen Fakultät, angeleitet von der jungen Regisseurin Alessandra Premoli, die, ausgehend von Dafne im Koma liegend, bemüht Bilder aneinanderreiht und zuletzt poetisch verdichtet. Ein Traumspiel, das drei Schattenspieler (Ensemble alTREtracce) zurückhaltend bereichern. In elegantem Weiß und pointiert die Kostüme von Mariana Fracasso.

Jung und begabt auch die Accademia La Chimera, die das fast shakespearische Sujet mit anfangs leicht getrübten, dann farb- und verzierungsreichen Klängen kommentiert. Massmiliano Toni, der hochprofessionelle Erzmusikant, hatte die musikalischen und damit weitgehend dramaturgischen Fäden in der Hand. Er ließ es sich nicht nehmen, die musiksprachliche vokale Spannung auch in instrumentalen Impulsen aufgehen zu lassen, Klangpoesie zu schaffen und die Tanzrhythmen zum Swingen zu bringen.

Auf der Bühne ein großes, junges Ensemble, mit Sara-Maria Saalmann, deren klares, weißes Timbre der Dafne gut steht, dem ausdrucksvollen Rodrigo Sosa dal Pozzo als Popstar Apoll, Giulia Bolcato als gewitzter Amore, Eleonore Pancrazi als Sexgöttin Aurora und in vielen Rollen Deborah Cachet, Isabelle Rejall, Isaiah Bell, Juho Punkeri, Jasin Rammal-Rykala und Andrea Pellegrini. Im besten Sinn Barockoper: Jung. (u.st.)