Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 08.09.2018


Bühne

Wenn Menschlichkeit Schiffbruch erleidet

Uraufführung von Daniel Kehlmanns „Die Reise der Verlorenen“ am Theater in der Josefstadt.

© Sepp GallauerRaphael von Bargens finsterer Bord-Ortsgruppenleiter Schiendick paradiert vor den von ihm gedemütigten Flüchtlinge, dargestellt von Roman Schmelzer, Sandra Cervik und Ulrich Reinthaller.



Von Bernadette Lietzow

Wien – Wiederholt sich Geschichte? Historiker sehen diese Frage kritisch, und doch kommt sie einem in den Sinn, wenn man in pausenlosen 110 Minuten dem Schicksal jener verzweifelten Menschen beiwohnt, deren Schiff 1939 auf der Flucht aus Nazi-Deutschland weder im angestrebten Ziel Kuba noch in den USA oder Kanada eine Lande­erlaubnis erteilt wurde.

Parallelen drängen sich auf mit den Ereignissen des heurigen Sommers, als europaweit um die Aufnahme der Flüchtlinge der „Aquarius“ gefeilscht wurde. Von der gegenwärtigen Realität erschreckend eingeholt wird Daniel Kehlmanns am Donnerstag im Theater an der Josefstadt uraufgeführtes Stück „Die Reise der Verlorenen“, das die Irrfahrt des Hamburger Hapag-Liners „St. Louis“ für die Bühne erzählt. Unter Verwendung von Original-Material stellt der Autor die Flucht-Gemeinschaft der 937 großteils deutschen Juden vor, die zum zynischen Unterpfand machtpolitischer Interessen wurden.

Ein dunkler Schiffsbauch (Bühne: Walter Vogelweider) dient als Hintergrund für das mit Statisterie angereicherte Riesenensemble. Aus dem Chor kristallisieren sich Einzelpersonen heraus, Flüchtlinge, aber auch „Big Player“ dieses Pokers um Menschenleben: kubanische Nomenklatura, Angehörige der britischen und amerikanischen Regierung, NS-Geheimdienstler und Vertreter jüdischer Hilfsorganisationen.

Das zynische erste und wehleidige letzte Wort hat der von Raphael von Bargen beklemmend verkörperte Otto Schiendick, Stuart und „Ortsgruppenleiter“ an Bord der „St. Louis“, ein kleiner, gefährlicher Mann, der es versteht, seine Chancen im „Tausendjährigen Reich“ zu nützen. Sein Gegenspieler ist Kapitän Gustav Schröder, beim Hausherrn Herbert Föttinger in gewohnt staatstragenden Händen, der gewillt ist, sein Schiff bewusst havarieren zu lassen, um die ihm anvertrauten Passagiere an ein rettendes Ufer zu bringen.

Michael Dangl als von Wiederwahl-Gelüsten gesteuerter Präsident und Wojo van Brouwer als sinistrer Minister stellen mit Bravour die korrupte, vom späteren Diktator Batist­a gesteuerte kubanische Administration vor. Sie alle, wie auch die Flüchtlinge, Roman Schmelzers berührend abgeklärter Hebräisch­lehrer Aaro­n Pozner, der elegante Arzt Dr. Spanier (Ulrich Reinthaller) nebst Gattin (Sandra Cervik) oder das Ehepaar Loewe (Maria Köstlinger und Marcus Bluhm) lässt Daniel Kehlmann immer wieder kommentierend aus ihrer Rolle treten – und am Ende ihr weiteres Schicksal, Überleben oder Tod, verraten.

Auf eine ehrlicherweise doch recht gemächlich-betuliche Unternehmung reagiert­e das Publikum mit anhaltendem Jubel für Ensemble, Regisseur Janusz Kica und Daniel Kehlmann. Spielplangeschick beweist erneut der bis 2026 verlängerte Direktor Herbert Föttinger, dessen Etat für die nächsten drei Jahre von Bund und Stadt Wien in bemerkenswerter Eintracht um über 1,6 Millionen erhöht wurde. Josefstadt ahoi!