Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 10.09.2018


Bühne

Shakespeare-Karneval mit Damenwahl

Volkstheater-Intendantin Anna Badora setzt „Der Kaufmann von Venedig“ als bunte Fernsehshow in Szene.

© APA/HERBERT NEUBAUERFrau Shylock Anja Herden (l.) mit Tochter (Evi Kehrstephan) in Konfrontation mit ihrem Schuldner Antonio (Rainer Galke).Foto: APA



Von Bernadette Lietzow

Wien – „Rainer Galke ist der bessere Schauspieler“, tönt es aus dem Dunkel des Zuschauerraumes, was auf der Bühne zu kurzer Schockstarre führt.

Die Irritation ist Resultat eines inszenatorischen Kunstgriffs, Shakespeares jüdischen Finanzier Shylock mittels „Applausometer“ vom Publikum bestimmen zu lassen. Die Wahl zwischen „seriöser Kapitalist“ (Rainer Galke), „orthodoxer Jude aus der Wiener Leopoldstadt“ (Sebastian Pass) und „Geschäftsfrau mit Migrationshintergrund“ fiel auf Letztere und die Rolle somit Schauspielerin Anja Herden zu. Eine, wie zufällig sei dahingestellt, gute Entscheidung, vereint dieser Shylock doch den Albtraum jedes Rassisten: Frau, jüdisch, schwarz (Herden ist dunkelhäutig) und auch noch vermögend.

Die Dynamik der Erniedrigung, der Shylock ausgesetzt ist und sein verzweifelter Widerstand dagegen – das Bestehen auf das Pfund Fleisch aus der Brust des respektlosen Kaufmanns Antonio (den nun souverän wie geschmeidig Rainer Galke gibt) – bekommt eine neue, spannende Dimension. In eine rotgetönte Spielhölle samt Roulettetisch und Slotmaschine (Bühne: Thilo Reuther) hat Volkstheater-Hausherrin Anna Badora Shakespeares wohl finsterste Komödie „Der Kaufmann von Venedig“ eingebettet. Es ist eine grelle Show, die sich in Elisabeth Plessens sehr eingedampfter Fassung über knapp zwei Stunden entfaltet.

Portia im Glitzerkleid (Isabella Knöll) erwählt da ihren Zukünftigen Bassanio (Peter Fasching als Brautwerber mit E-Gitarre) mithilfe eines Glücksrades, Lorenzo (Jan Thümer als abscheulicher Macho) entführt seine Braut, Shylocks Tochter Jessica (Evi Kehrstephan), mit einer Bande geiler Horror-Clowns. Es sind allesamt Spießgesellen im Smoking, diese venezianische Jeunesse Dorée (Sebastian Klein als Gratiano, Nils Hohenhövel als Salerio, Lukas Watzl als Solanio), die sich hier in Juden- und Frauenwitzen, inklusive Anspielung auf den unsäglichen Dönmez-Rülpser, ergehen.

Die Entwicklung eines prägnanten Profils bleibt ihnen, wie auch Sebastian Pass, der kaum Gelegenheit hat, seine Rolle als Shylocks Diener Lanzelot Gobbo zu gestalten, im Trubel dieses Abends versagt. Trotzdem entstehen einige beklemmende Momente, wenn sich die Jungmänner im Kollektiv an der Demütigung von Shylock, präziser Frau Shylock, ergötzen.

Ob, nach der allemal kurzweiligen, in ihrer rastlosen Aufgeregtheit aber nicht restlos überzeugenden Premiere, in den Folgevorstellungen die Wahl auf einen anderen „Juden“ fällt, wird die Zukunft weisen. Der Schlussapplaus gebührte, ohne Messung, allen Beteiligten.