Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 27.10.2018


Bühne

Im Hades ist die Hölle los

Die Kraft brillant gespielten Blödsinns: Mit „Fein-R.I.P.“ verschlägt es das Feinripp-Ensemble zum runden Geburtstag in die Unterwelt.

Mit „Fein-R.I.P.“ geht das Feinripp-Ensemble in sein 10. Jahr. Offiziell gefeiert wird am 22. Dezember mit einem „Worst-of“ im Treibhaus.

© GablMit „Fein-R.I.P.“ geht das Feinripp-Ensemble in sein 10. Jahr. Offiziell gefeiert wird am 22. Dezember mit einem „Worst-of“ im Treibhaus.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Parodie funktioniert nur, wenn das, was aus- und bisweilen bloßgestellt werden soll, ernst genommen wird. Das, daran besteht kein Zweifel, ist dem Feinripp-Ensemble bewusst. „Fein-R.I.P.“, das neue Stück der „Unterhosen-Gang“ wurde am Donnerstagabend im Innsbrucker Treibhaus uraufgeführt. Und es beginnt ernst. Als auf die Bühne gewuchtete Textflächen: Postdramatik wie aus dem Lehrbuch. Erdenschwere Gesten und Sätze. Es geht um alles. Um irgendwas Abgründiges. Wahlweise um Biblisches oder David Bowie, um einen Lazarus jedenfalls. Und um verschrumpelte Testikel. Und um die Apokalypse: „Wenn die Bienen sterben, sterben die Menschen.“ Davor aber stirbt ein Biber – wohl recht blutig, aber diskret hinter dem Vorhang. Dann gehen Markus (Markus Oberrauch) und Tom (Thomas Gassner) drauf. Auch die Urlaubsvertretung des Schwarzen Mannes versteht keinen Spaß. Zwei von drei Feinrippträgern gehen also auf Hellness-Kur in die Unterwelt.

Der dritte, Börnie (Bernhard Wolf), bleibt im Diesseits: allein, verzweifelt, hochprofessionell. Schließlich muss die Show weitergehen. Notfalls mit feingerippten Sockenpuppen. Oder mit halbgaren Theaterpädagogen und halbseidenen TV-Darstellern. Kurzum: Die postmoderne Bedeutungshuberei („Hülle ohne Fülle“) weicht irrwitzigem Durcheinander: Das Hellnesshotel Hadesblick erstickt in Bürokratie, die Belegschaft poltert, der Boandlkramer sitzt in der Sauna.

Dass dem vorzeitigen Ableben von Markus und Tom ein Fehler vorausging, der rückgängig gemacht werden soll, wird zum roten Faden. Regisseur Johannes Gabl knüpft – in höllischem Tempo – grelle Gags daran und choreografiert schwindelerregende Szenenwechsel. Als äußerst mobiles Mobiliar (Ausstattung: Andrea Kuprian) reichen ein roter Vorhang und ein Kastenkoffer. Trotzdem gibt es dauernd Neues zu entdecken. Auch weil der Blödsinn brillant gespielt ist. Markus Oberrauchs Darstellung eines von allgegenwärtiger Geschmacklosigkeit in die Bipolarität getriebenen Küchenchefs etwa ist nicht weniger als eine große Charakterstudie. Auch, dass nicht jede Pointe glänzt, hat Methode. Gerade betont schlechte Witze wollen großspurig serviert werden. Darin liegt, wenn man so will, der Witz zweiter Ordnung.

Dass etwa ein faschistischer Massenmörder, für den sich selbst in der Hölle kein Marterplätzchen fand, „Ein bisschen Gas muss sein“ anstimmt, wäre für sich genommen unverzeihlich plump. Der Kontext, in dem er das tut aber, ist unheimlich und unheimlich gescheit: Vorgeführt wird die betäubende Kraft einer festzelttauglichen Spaßkultur, die Verharmlosung feiert und Vergessen forciert. Wie gesagt: „Fein-R.I.P.“ sollte man ziemlich ernst nehmen.




Kommentieren


Schlagworte