Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 12.11.2018


Bühne

Gefangen im Horror der zerrütteten Seele

Der viktorianische „Untergang des Hauses Usher“ von Philip Glass in den Kammerspielen des Tiroler Landestheaters.

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© Rupert Larl



Von Ursula Strohal

Innsbruck – Das Unheimliche und Dämonische, die Lust an der dunklen Seite der Existenz, Todesfaszination, dabei ein heller, oft künstlerisch inspirierter Geist. Das sind Ingredienzien, die in Individuen und Zirkeln die Zeiten überdauern, aufflammend in der Romantik, bis heute in Gruppierungen, die sie auch in äußerer Inszenierung ausleben. Im Foyer machten sich einige kenntlich, dann geborgen im tiefen Schwarz der neuen Kammerspiele, die am Samstag mit der Premiere von Philip Glass’ Oper „The Fall of the House of Usher“ – der Untergang des Hauses Usher – erstmals mit Musiktheater erprobt wurden. Zuvor las Intendant Johannes Reitmeier aus dem Manifest der Initiatoren der „Europäischen Republik“ (siehe TT-Bericht von Samstag). Die Story geht auf die berühmte, mehrfach vertonte Kurzgeschichte des Obsessions-Spezialisten Edgar Allan Poe aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. Roderick und seine Zwillingsschwester Madelin­e sind die Letzten aus dem alten Adelsgeschlecht der Ushe­r. Zerrüttete Seelen, die in Symbolen, Vorzeichen, Abartigkeit und Überreiztheit ihren eigenen Horror entwickeln. Roderick, von Ängsten und Verwirrtheit besetzt, ruft seinen Jugendfreund William zu Hilfe, der im Grauen selbst gefährdet ist.

Jon Jurgens legt sich mit seinem jungen Tenor und darstellerischer Intensität in die Partie des Roderick, ein schwieriges, gelungenes Debüt. Anna-Maria Kalesidi­s geht mit ihren Vokalisen durch die Szene, Alec Avedissia­n gibt den mutigen, stimmlich seriösen William. Die großartige Studie des den Verfall spiegelnden Dieners kommt von Dale Albright.

Das Leading Team bleibt in viktorianischer Poe-Nähe. Michael D. Zimmermanns Bühnenbilder des düsteren Ansitzes liegen schwer und grau umnebelt im Ungefähren, hoch oben die gotisch geformten Fester, ehemaliger Prunk ist erahnbar, Kerzen leuchten, man geht durch Räume, verweilt bei Rodericks Gitarre und Bildern „in wunderbar verschwommenen Strichen“ (Poe). Markus Braunhofer hat sie beigesteuert und stilsicher die Kostüme zwischen Steampunk und Gothic. Philip Glass’ Komposition versuchte 1988 dem Psychosog mit seinem Minimalismus beizukommen, über die Flächen setzte er Rhythmen und Melodiefragmente, die Musik führt zweifellos durchs Stück, hat aber ein Ablaufdatum. Ein Kammerensemble des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck unter Seokwon Hong ist mit wechselhaftem Erfolg damit befasst.

Johannes Reitmeiers Inszenierung gelingt ein Kammerspiel aus dem Inneren der Figuren heraus, er durchläuft nahtlos die gesanglosen Passagen, geht auf Zimmermanns filmische Angebote ein, bleibt mehrdeutig und führt Roderick, der bis in die Haarspitzen Poes Beschreibung folgt, in den definierten Wahn. Madeline, die als Figur und mit ihren Vokalisen doch so unbestimmt bliebe, zeigt er sehr konkret, bei Tisch, führend beim Inzest, mit ihrem wohl eigenen Kindersarg. Die Geschwister würgen sich gegenseitig, der greise Diener zündet das Haus an und William entkommt knapp, wenn auch bleibend gezeichnet.