Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 26.11.2018


Landestheater

„Simon Boccanegra“: Verdis tiefer Seelenblick

Neuinszenierung von Giuseppe Verdis emotionsgeladener Polit-Oper „Simon Boccanegra“ am Tiroler Landestheater mit großartigem Orchester und Ensemble.

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Von Ursula Strohal

Innsbruck – Mehr als zwei Jahrzehnte nach dem venezianischen Uraufführungs-Flop von 1857 ging Giuseppe Verdi seinen geliebten „Simon Boccanegra“ nochmals und verändernd durch, aber das Werk blieb ein Stiefkind, das wirre Libretto unwürdig der Musik.

Vielleicht überforderte Verd­i mit seinem Wunderwerk. Es hat nichts mehr gemein mit den Nummern­opern wie „Troubadour“, drängt die Arien zurück, die einzelnen Szenen sind vollendet verschmolzen, und die ausgebauten, vom Orchester gemalten Rezitative vermitteln Dramatik und Intensität, die tief in die Seelen und Konflikte leuchten. Dunkl­e Männerstimmen und ein melancholischer Grundton dominieren, symptomatisch, dass die Titelfigur rhetorische und kurze ariose Abschnitte hat, aber keine große Arie.

Bemerkenswert ist die Bedeutung des Orchesters, das mitredet, ausdeutet und vertieft. Herrlichkeiten geschehen im Graben und tun es im Tiroler Landstheater tatsächlich. Dirigent Francesco Rosa entlockt den hörbar beteiligten Musikern unermüdlichen Nuancen- und Farbreichtum, da findet das Stück in der Grundsubstanz statt.

Auf der Bühne wird großartig gesungen, durchwegs Prachtstimmen sind aufgeboten und innerhalb der bulgarisch-russisch-ukrainisch-usbekisch-spanisch/amerikanisch-griechisch-südkoreanischen Besetzung sogar charakterlich differenziert.

Kiril Manolov erfüllt die Titelrolle klanglich wunderbar mit tiefer Menschlichkeit und natürlicher Autorität, er weiß wie die anderen Herren mit Emotionen umzugehen. In der Härte des Fiesco zurückgenommen der seriöse Bass des Michail Ryssov. Daniel Luis de Vicente zeigt und singt eine starke Studie des zerrissenen Paolo Albiani, Unnsteinn Árnason behauptet sich als Pietro genau auf seiner Position. Mit Leidenschaft und strahlendem Tenor bringt sich Viktor Antipenko als Gabriele Adorno ein, als Magd ist Fotini Athanasaki, als Hauptmann Junghwan Lee aufgeboten.

Mit Amelia ist der schön­e, blühend aufgehende, zukunftsträchtige Sopran von Barno Ismatullaeva sehr jung besetzt, zu jung wohl hinsichtlich Interpretation. Denn sie gestaltet stimmlich lange nicht, nach dem bezaubernd impressionistischen Morgenaufgang des Orchesters zieht sie ihre Arie und die folgenden Szenen mit gleichförmiger Lautstärke durch, reißt hier den Tenor dadurch mit und verschenkt vieles. Erstaunlich, dass Francesco Rosa bis zum zweiten Akt die Diskrepanz zwischen Orchester und dem jungen Paar akzeptiert. Nach dem Prolog bringt sich der Chor gut ein.

Thilo Reinhardt (Regie), Paul Zoller (Bühne), Katharina Gault (Kostüme) und Simon Stenzel (Licht) einigten sich darauf, das Nachtstück sachlich aufzuhellen und die vorrangige politische Dimension des Stückes einzuhalten, in dem der Genueser Doge Boccanegra in ständiger nachbarlich und bürgerkriegsbedrohlicher Situation wie Verd­i zu seiner Zeit für Frieden, Versöhnung und politische Einigung eintrat. In den weißen, verschiebbaren Wänden mit harter geometrischer Zeichnung und Kostümen der Gegenwart, für Amelia wenig ansprechend, gelingen Reinhardt bis zum bemüht konstruierten Finale im „Museum der toten Helden“ intensiv­e Szenen und andere, die er mit Gags mehr oder minder gelungen aufzubrechen wünscht. Dass er die Vater/Tochter-Erkennungsszene zerbricht, erscheint peinlich im Versuch, Verdis emotional­e Kraft zu unterlaufen.

Großer Applaus mit Buh-Versuch.