Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 27.11.2018


Bühne

Der Wahn durchweht hier jedes Wort

Stefan Maurer denkt Thomas Bernhards „Lieblingsbuch“ im K2 des Landestheaters konsequent weiter. Trotzdem bleibt „Amras“ ein akrobatisches Hörspiel.

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© TLT/Larl



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Thomas Bernhard nannte die Erzählung „Amras“ sein „Lieblingsbuch“. Wohl auch aus Genugtuung. 1965, gut ein Jahr nach seiner Erstveröffentlichung, schaffte es die schmale Erzählung in die „edition suhrkamp“ – und damit ins Zentrum der ästhetischen und gesellschaftspolitischen Debatten ihrer Zeit. Wie sehr sich der 33-jährige Bernhard darüber freute, dass sein Stern fortan neben anderen Sternen leuchten könne, kann in seinen Briefen an Verleger Siegfried Unseld nachgelesen werden.

Thematisch leuchtet in „Amras“ nichts: Eine Innsbrucker Familie flüchtet sich in den Suizid. Zwei Söhne überleben ungeplant. Ein Onkel bringt sie in einem Turm in Amras unter, der ihnen Schutz und Gefängnis zugleich wird. Ein Bruder entleibt sich. Der andere sucht zögernd Anschluss an die Welt – und landet doch im Irrenhaus.

„Amras“ ist die Rekonstruktion dieser doppelten Krankengeschichte. In fragmentarischen Überlieferungen (Briefen, Notizen, Bonmots) zeichnet Bernhard nach, wie sich Ordnungssysteme auflösen: von Geschäften über die Familie bis zum „Ich“. Selbst die Sprache und jede Behauptung zerfällt in Bausteine. Der Wahn durchweht hier jedes Wort. Als kunstvoll montierte Rollenprosa ist „Amras“ ein reizvolles Angebot an das Theater. Bernhard selbst entdeckte die Bühne erst nach der Niederschrift von „Amras“ für sich.

Im Auftrag des Tiroler Landestheaters hat sich der Regisseur Stefan Maurer des Stoffes angenommen. Mit der Premier­e, der, wenn man so will, Uraufführung, seiner „Amras“-Fassung wurde am Sonntag im K2 der beiläufig-lose Innsbrucke­r Bernhard-Schwerpunkt fortgeführt, der 2016 mit „Alte Meister“ begann.

Maurer hat „Amras“ konsequent weitergedacht. Den fragmentarischen Charakter der Vorlage etwa überträgt er aufs Personal. Nicht zwei, sondern vier Schauspieler geben dem Brüderpaar Gestalt, fallen sich ins Wort, führen einmal angefangene Sätze vielsagend ins Nichts. Jan-Hinnerk Arnke, Tom Hospes, Christoph Schlag und Janine Wegener setzen sich der Sprachwut aus, verbeißen und versteigen sich in den Sätzen – und bisweile auf Stühlen.

Nach mancher Schachtelsatz-Suada wäre Szenenapplaus angebracht. Auch, ja gerade weil sich dem Gesagten irgendwann nicht mehr folgen lässt. Um Nachvollziehbarkeit geht es nicht. Die eine oder andere bitterböse Sentenz über die Denkfeindlichkeit des Alpinen etwa mag hängen bleiben, letztlich aber geht es um Überforderung, die sich in drastischem Daseins-Ekel entlädt. Es ist ein Todeskampf der Worte, der auf das immer wieder direkt angesprochene Publikum einprasselt. Dass der Kampf von vornherein verloren ist, steht außer Frage.

Szenisch allerdings geht diese Sprach-Spannung bisweilen verloren. Daran ändert auch ein ausgemachtes Bernhard-Schmankerl wenig: Dass dem Wunsch des Autors nach kompletter Dunkelheit in der Schlussszene von „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ nicht nachgekommen wurde, sorgte 1972 bei den Salzburger Festspielen für einen Großskandal. Maurer beweist im kleinen K2 mit einfachsten Mitteln, dass Finsternis gefahrenfrei machbar ist. Sieht man davon und von einem Zwischenspiel im Zirkus ab, in dem auch Ausstatter Luis Graninger sein feines Gespür für abgelebt­e Grandezza beweisen kann, bleibt „Amra­s“ über weite Strecken akrobatisch aufgemotztes Hörspiel. Als solches aber hat es sich den euphorischen Premierenapplaus verdient.