Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 22.12.2018


Burgtheater

Neuzeit-Medea im Seelengefängnis

Manege frei für Medea: „Nestroy“-Gewinnerin Caroline Peters brilliert als etwas andere Kindsmörderin in der Regie des australischen Theater-Erneuerers Simon Stone.

Steven Scharf, der kurzfristig für den erkrankten Joachim Meyerhoff einsprang, sorgt ebenso wie die große Caroline Peters (mit Lucas MacGregor und Wenzel Witura) in der ungewöhnlichen "Medea"-Produktion für einen begeistert aufgenommen.

© Reinhard Werner/Georg SoulekSteven Scharf, der kurzfristig für den erkrankten Joachim Meyerhoff einsprang, sorgt ebenso wie die große Caroline Peters (mit Lucas MacGregor und Wenzel Witura) in der ungewöhnlichen "Medea"-Produktion für einen begeistert aufgenommen.



Von Bernadette Lietzow

Wien – Diese Medea ist nicht die Fremde aus Kolchis, die, verstoßen von ihrem Mann Jason, zur Mörderin wird. Anna, Simon Stones Medea, ist eine von sich selbst und den auf sie einprasselnden Bedingtheiten zeitgenössischen Frauenlebens Entfremdete.

Mit der ihm eigenen Methode der Überschreibung kondensierte der vielfach ausgezeichnete Regisseur und Theaterautor Euripides’ Tragödie und hebt sie unter Verwendung eines realen Falles von mütterlichem Kindsmord im Amerika der 1990er-Jahre in unser überforderndes Heut­e. Ursprünglich und äußerst erfolgreich mit der Amsterdamer Toneelgroep erarbeitet, feierte donnerstags die deutsche Erstaufführung dieser beeindruckenden Neudeutung der antiken Vorlage am Burgtheater Premiere.

Wie schon in den bejubelten Annäherungen an Ibsens „John Gabriel Borkman“ oder an Strindbergs Kosmos mit „Hotel Strindberg“ gelingt es Stone auch diesmal, in akribischer Konzentration auf Aussage und Schwingungen die richtige Temperatur zu finden, mit scheinbar fernen Stoffen die Gegenwart einzufangen und damit ein gegenwärtiges Publikum zu berühren.

Zwei Buben (Wenzel Witura und Lucas MacGregor) sitzen zu Beginn jugendlich gespannt auf der gleißend-weißen Bühne, die wie ein nachlässig aufgestellter Faltkarton den ganzen Raum einnimmt (Bühnenbild: Bob Cousins). Sie erwarten nicht nur die Rückkehr der Mutter, sondern erhoffen den Wiedereinzug von Normalität ins gebeutelte Familienleben. Ein­e Illusion. Anna (Caroline Peters) steht vor den Trümmern ihres Lebens, familiär wie beruflich.

Sie, die ihren untreue­n Ehemann Lucas (Steven Scharf) mit Rizin fast vergiftet hat, wird aus der Psychi­atrie entlassen, das Sorgerecht über die Söhne hat der Vater, der mit Freundin Clar­a (Mavie Hörbiger) längst in ein neue­s Glück gestartet ist. Trotzdem ist sie gewillt, um ein­e gemeinsame Zukunft zu kämpfen, und es wäre nicht die großartige Peters, würde es der Figur am Humor der Verzweiflung mangeln. Ungewöhnlich für „Medea“ und doch so folgerichtig, wenn der vergebliche Versuch, den ebenso schwachen wie berechnenden Mann zurückzugewinnen, in der Erkenntnis des totalen Betrugs mit fatalen Konsequenzen endet.

Der Chef des Pharmakonzerns (Christoph Luser), in dem sie erfolgreich war, setzt ganz auf Lucas, dem Anna den Weg in die wissenschaftliche Karriere geebnet hatte; nicht zuletzt ist seine Schwester Clara Unterpfand einer gedeihlichen privaten wie geschäftlichen Verbindung.

Video-Totalen auf die Hauptdarsteller, projiziert auf die Leinwand über der Bühne, machen die kleinen mimischen Veränderungen deutlich, die in die Katastrophe führen. Leise und immer dichter regnen schwarze Ascheflocken auf die Szenerie. Atemlos verfolgt man den Mord an Clara und ihrem Bruder.

Unendliche Traurigkeit schließlich, wenn Peters, ihre Söhne zärtlich umschlingend, den gemeinsamen Feuertod wählt. Selten geschieht Emotion so direkt, zu gratulieren ist Stone und dem erlesenen Ensemble, dem Irina Sulave­r und Falk Rockstroh noch zwei schöne Nebenfiguren beisteuern.