Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 31.12.2018


Hall

“Momo“ auf der Bühne: Für die Befreiung der Zeit

Michael Endes Roman „Momo“ ist 45, seine Botschaft jedoch aktueller denn je. Das Haller Theater Szenario holt das moderne Märchen nun auf die Bühne.

Das Theater Szenario in Hall spielt das Stück "Momo".

© Mathias Brabetz PhotographyDas Theater Szenario in Hall spielt das Stück "Momo".



Von Marianna Kastlunger

Hall – Und plötzlich ist es einfach da, dieses etwas seltsame Mädchen mit dunklen Haaren und viel zu großer Jacke. Wer ihre Eltern sind, ist nicht in Erfahrung zu bringen, genauso wenig wie ihr genaues Alter. Das ist den Leuten aus der Umgebung aber egal, weil das Mädchen immer Zeit hat zuzuhören. Ihr vertrauen sie ihre Sorgen an, finden darin Trost oder gar Inspiration. Und werden prompt zu besseren Menschen.

Momo findet rasch Freunde und lebt fortan im alten Amphitheater, dem idealen Treffpunkt für abenteuerliche Spiele und Erzählungen. Auf der Sudhaus-Bühne wird dieser fantasieanregende Ort mit einer farbenfrohen, begehbaren Bücherkonstruktion nachgestellt – nicht das einzige liebevoll gestaltete Element, das einen funktionalen und gleichzeitig symbolischen Zweck erfüllt. Was oder wen die große Uhr links im Hintergrund verdeckt, soll hier nicht verraten werden.

Der Roman „Momo“ erschien 1973 und machte den bayerischen Autor Michael Ende zu einem der erfolgreichsten deutschen Jugendautoren. „Jim Knopf“ und „Die unendliche Geschichte“ wurden ebenso internationale Bestseller, die auch für Theater und Fernsehen adaptiert wurden. Sie können von Klein und Groß als Märchen rezipiert werden, aber auch als Plädoyer für Menschlichkeit, Fantasie und Selbstbestimmung. Diese geraten bei „Momo“ in Gefahr, sobald die Grauen Herren auftauchen und die Menschen zwingen, Zeit zu sparen. Dadurch wird ihr Leben nicht besser, sondern oberflächlicher, hektischer, gefühlloser. Und erinnert an neoliberale Zeitoptimierungspflichten, die den Müßiggang als Erstes wegrationalisieren.

Abenteuerliche Spiele und Erzählungen? Reiner Zeitverlust. Das seltsame Mädchen mit den dunklen Haaren will sich dagegen wehren. „Denn Zeit ist Leben“, weiß Momos Freund Beppo und liefert die Quintessenz des Stückes.

Für die Bühnenadaptation von „Momo“ hat das Theater Szenario unter der Regie von Brigitte Neumaier und Wolfgang Klingler das Stück ins 21. Jahrhundert geholt.

So belebt ein Selfie-fixiertes Touristenpaar im Amphitheater die Anfangsszenen, während Fremdenführer Gigi eine dystopische und dennoch kurzweilige Geschichte über die Entstehung des Ortes unter einem Diktator namens Trumpus verzapft.

Die Grauen Herren sind hier Damen, die fies und stilsicher keine normalen, sondern E-Zigaretten qualmen. Polizeibeamte sprechen Tirolerisch und Momos Freunde hören Gangsta-Rap.

Musik und Video-Effekte verfeinern das Stück in der kleinen, aber feinen Spielstätte im Haller Lobkowitzgebäude, das bei der Premiere am Samstag ausverkauft war und sein sehr gemischtes Publikum zu begeistern wusste.

(Infos unter www.szenario-tirol.org.)