Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 31.12.2018


Tiroler Festspiele Erl

„La Sonnambula“: Traumerfüllung der reinen Seele

Schlafwandelnd zum Triumph: Bei der Premiere von Vincenzo Bellinis Melodramma „La Sonnambula“ bei den Tiroler Festspielen Erl hatte Sopranistin Bianca Tognocchi ihren großen Abend.

Die Geschichte der Schlafwandlerin in einem Schweizer Bergdorf bettet Amina (Bianca Tognocchi) zuerst öffentlich etwas unbequem.

© Tiroler Festspiele Erl / EnricoDie Geschichte der Schlafwandlerin in einem Schweizer Bergdorf bettet Amina (Bianca Tognocchi) zuerst öffentlich etwas unbequem.



Von Ursula Strohal

Erl – Mozart und Belcanto sind Hauptpfeiler der Erler Festspiele, die im Passionsspielhaus nicht wirklich funktionieren, für die das Erler Festspielhaus erbaut wurde. In diesen Winterspielen ist man bei einem Werk, das lange in der Luft lag, angekommen: „La Sonnambula“. Maria Callas hat Vincenzo Bellini für die Opernwelt neu erfahrbar gemacht und den Frauenrollen bei aller Sensibilität dramatische Kontur gegeben. Die Schlafwandlerin bewegte am Samstag auch in Erl die Zuschauer. Bei so prachtvollen sängerischen Leistungen entfaltet sich über Einwände hinweg der Zauber der Musik (Wiederholung: 5. Jänner).

Unmissverständlich stellt Bellini klar: Obwohl er seine kompositorischen Fähigkeiten weiterentwickelt hat, will er „La Sonnambula“ nicht ästhetisch überhöhen, sondern in einer volkstümlichen Szenerie verankern. Das Libretto schrieb ihm Felice Romani nach einer Ballettpantomime von Eugène Scribe, und Bellini griff selbst in die psychologische Deutung der Figuren ein, etwa um in der Krise die brüske Abkehr des Liebhabers Elvino in eine Zerrissenheit zu wandeln. Er hat seine Verlobung mit Amina gelöst, weil sie schlafend im Zimmer des Grafen Rodolfo entdeckt wurde, und sich erneut seiner früheren Flamme, der eifersüchtigen jungen Wirtin Lisa, zugewandt. Der Graf erklärt dem Dorf und Elvino, dass Amina schlafwandelt, und als sie tatsächlich in ihre Träume versunken kommt, sind alle von ihrer Unschuld überzeugt und die erwachte Amina wird jubelnd Elvinos Frau.

Eine naive Geschichte aus den Schweizer Bergen, der Regisseur Riccardo Canessa ebenso beizukommen sucht. Bei der Verlobungsfeier drückt er dem Chor hölzerne Instrumente in die Hand, das Volk singt gottlob weitaus besser, als es durch die nicht sehr glücklich antiquierte Szene geführt wird. Dabei bieten Alfredo Troisis abstrahiert gemalte Waldlandschaften hübsche Kulissen. Für das Zimmer des Grafen gibt es einen Stilbruch, sonst fallen die hölzernen Treppen und Leitern plump aus. Auch die Personen, von Mariano Tufano im Stil der Zeit eingekleidet, sind oberflächlich geführt. Ihnen bleibt aller Raum für den hohen Anspruch des Singens. Und da wird brilliert. „Es soll nur die richtige Sängerin sich hinstellen und es singen, und es reißt hin“, sagte Richard Wagner, als er über Bellini sprach. Bianca Tognocchi hat hingerissen als Amina, mit ihrem Ausdrucksreichtum, ihrer Hingabe, dem schlichten Spiel, der stupenden Technik. Amina ist in der romantischen Oper eine der bewegendsten Frauengestalten, da ist nichts Mechanisches, nichts Hysterisches, nichts Schuldbeladenes, nichts Kokettes, nur Gefühlsreichtum und Natürlichkeit. Bianca Tognocchi weiß das virtuos zu nutzen. Die reine Seele der Amina wird in ihren Emotionen von der Tänzerin Katharina Glas gedoppelt.

Der Schlafwandlerin ist als Elvino der junge, aufstrahlende Tenor des Hui Jin zur Seite gestellt. Giovanni Battista Parodi imponierte als autoritärer und doch differenzierter Rodolfo, einen prachtvollen weichen Sopran zeigte die Lisa der Sabine Revault d’Allonnes. Hörenswert auch Marta Lottis Teresa und Nicola Ziccardis Alessio.

Dann strahlt sie dann mit ihrem Elvino (Hui Jin).
Dann strahlt sie dann mit ihrem Elvino (Hui Jin).
- Tiroler Festspiele Erl / Enrico

Am Pult des Festspielorchesters beginnt Friedrich Haider vehement, er zieht das Stück durch. Das Forte ist lärmend, Bellinis zugegeben oft gleichförmige Rhythmen bleiben es. Der Einstieg ins erste Finale gelingt, auch dem zweiten Finale gibt Haider Raum, manchmal haben Solisten Gelegenheit, Sensibilität einzubringen. Aber von der hohen Kunst dieses Orchesters, von der Geschmeidigkeit, dem Schmelz, dem empfindsamen Echo, den kunstvollen Übergängen, den Tempi der Seelenregungen war nichts zu erleben.