Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 01.01.2019


Tiroler Festspiele Erl

„L‘occasione fa il ladro“: Gelegenheit macht Diebe, aber auch Liebe

Mit Gioacchino Rossinis komischer Oper „L’occasione fa il ladro“ werden in Erl Respekt, Ehrlichkeit und die Liebe gefeiert.

Wenn Ernestina (Alena Sautier) per Messer die Wahrheit aus Superman Martino (Daniele Antonangeli) kitzelt, ist selbst Don Parmenione (Filippo Fontana) platt.

© TFE/NawrathWenn Ernestina (Alena Sautier) per Messer die Wahrheit aus Superman Martino (Daniele Antonangeli) kitzelt, ist selbst Don Parmenione (Filippo Fontana) platt.



Von Markus Hauser

Erl – Für die Redewendung „Gelegenheit macht Diebe“ – „L’occasione fa il ladro“ auf gut Italienisch – wird täglich der Beweis angetreten. In manch groß gefeierter musikalischer Schöpfung sind es ebenfalls des Öfteren Diebstähle, die den guten Ton ausmachen.

Die Rede ist hier nicht nur von der kunstvollen Methode des Recycelns eigener Geistesblitze. Mit seiner musikalischen Farce „L’occasione fa il ladro“ befindet sich Gioacchino Rossini auch in bester Gesellschaft W. A. Mozarts als Meisterdieb.

Die Einlagearie für Elvira in Rossinis „Italiana“ hat der Komponist bei sich selbst abgeschrieben, ebenso den Sturm aus dem „Barbiere di Siviglia“: Beides stammt aus dem Einakter „L’occasione fa il ladro“. Schließlich hat sich Rossini für dieses Stück aber auch noch bei Mozarts „Don Giovanni“ bedient. Gelegenheit macht eben Diebe.

Gerade einmal elf Tage benötigte der 20-jährige, aufstrebende Komponist Rossini im Jahr 1812 für „L’occasione fa il ladro“. Fünf Operneinakter („Farse“) waren es, die er binnen 15 Monaten schrieb.

Entsprechend inszeniert, mit Witz und Tempo ausgestattet wie am Sonntagvormittag in Erl unter der musikalischen Leitung von Patrick Hahn, macht die musikalische Burleske richtig Spaß.

Es beginnt, wie es beginnen muss: Blitz und Donner, zwei Koffer werden vertauscht. Das Schlitzohr Don Parmenione (Filippo Fontana) schlüpft in die Rolle des Bräutigams Conte Alberto (Matteo Macchioni), um die attraktive Braut Berenice (Barbara Massaro) für sich zu erobern.

Unterstützt vom schusseligen Diener Martino (Daniele Antonangeli) gerät er allerdings an Berenices Zofe Ernestina (Alena Sautier), da fehlt selbst Berenices Onkel Don Eusebio (Silvano Paolillo) der Durchblick. Überraschung: Am Schluss fliegt der Schwindel auf, die Ehrlichkeit siegt und „Gelegenheit macht Liebe“.

Regietechnisch ideal gelöst von Wolfgang Berthold, er stellt ein hübsches Apartment auf die Bühne. Unter dem Luster im Eingang, schon etwas lüstern, geht es durch die Jagdstube auf die Pirsch in den oberen Stock. Selbstverständlich über eine Wendeltreppe, wandeln sich doch stetig die Gefühle: Stiege rauf, Stiege runter, Gefühle hoch, Gefühle runter.

Ausstatter Daniel Sommergruber schafft nicht nur den Sprung vom 19. ins 21. Jahrhundert, er kleidet Charaktere. Gehrock und Zylinder weichen sehr bald Jogging- anzug, Cocktailkleid und Bomberjacke. Der überängstliche Martino wird in ein Superman-Kostüm gesteckt, er zieht die Strippen.

Vokalen Belcanto-Glanz versprüht die Sopranistin Barbara Massaro. Ihr scheint die Rolle wie auch der Mezzosopranistin Alena Sautier auf den Leib geschrieben. Silvano Paolillos Tenor klingt hörbar bemüht, überzeugen kann er leider nur mit schauspielerischen Qualitäten. Nicht nur Macho und liebenswertes Schlitzohr – Filippo Fontana gibt sich stimmprächtig und besticht wie Daniele Antonangeli mit stilistischer und technischer Souveränität. Farblich noch ausbaufähig fügt sich Matteo Macchionis Tenor schön in den Gesamtklang.

Spritzig und voller Esprit lässt Patrick Hahn das Orchester der Festspiele Erl musizieren. Wenn er am Cembalo, ganz dem Stück verpflichtet, situationselastisch in den Rezitativen Franz Lehár, Scott Joplin, Henry Mancini oder Nino Rotta zum Klingen bringt, weiß man es ganz sicher: Gelegenheit macht Diebe. Begeisterter Jubel am Ende!