Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 12.01.2019


Bühne

Alles bedeutet nichts

Ein Lehrstück über die Leere: Falk Richters Bad-Bank-Parabel „Trust“ im Innsbrucker Brux.

Eskalationsstudien im Business-Outfit: Philipp Rudig, Nevena Lukic, Michael Rudigier und Katharina Hauser in "Trust".

© tON/NOtEskalationsstudien im Business-Outfit: Philipp Rudig, Nevena Lukic, Michael Rudigier und Katharina Hauser in "Trust".



Innsbruck – Falk Richter zählt zu den gefragtesten Stoffspendern für Innsbrucks freie Theaterszene: 2015 befand sich das Theater Praesent „Im Ausnahmezustand“, 2016 ging mit dem Staatstheater die „Fear“ im Treibhaus um. Und jetzt: „Trust“. Die von Michaela Senn inszenierte tON/NOt-Produktion im Brux, „Trust“, ist inzwischen zehn Jahre alt. Es ist der Weltwirtschafts-Crash von 2008, dem Richter damals mit heißer Nadel hinterherstrickte. Es geht um Wertschöpfungshysterie, um Optimierungs-Exzesse, kapitalistische Übersprungshandlungen und Bad-Bank-Brutalität. Jetzt, ein Jahrzehnt und viele vergessene Vorsätze später, hat „Trust“ einen bitteren Beigeschmack: Gelernt wurde aus dem Desaster nichts. Keine wirkliche Überraschung, aber nicht der schlechteste Ansatz für einen Theaterabend, der auf mehr als bloßes Bespaßen aus ist.

Im Brux allerdings läuft „Trust“ immer wieder Gefahr, unter der Fülle angedachter Gedanken zusammenzubrechen: Zunächst wird das Spannungsfeld von Work, Workout und After-Work-Party geflutet. Das Ensemble (Katarina Hauser, Nevena Lukic, Philipp Rudig und Michael Rudigier) verkeilt und verrenkt sich. Jedes Zucken behauptet Bedeutung – und bedeutet letztlich nichts. Auch die Katastrophen-News, die den Auftakt begleiten, verschwimmen zum Rauschen.

Sinn werden die vier Vorturner im Business-Outfit auch danach nicht finden. Aber Raum, um emotionale Leere zu erörtern. Dafür finden Senn und die Ausstatterin Veronika Semberger bisweilen berückend schöne Bilder. Wenn Lukic, schwarzbebrillt und gitarrenumhängend, bedeutungsschwere Belanglosigkeiten ins Mikro haucht zum Beispiel. Auch Rudigs Anstalten, das Treiben auf die Metaebene zu heben, strotzt vor Hintersinn. Hauser und Rudigier erlaubt „Trust“ hübsche Eskalations-Studien. Eine von der Decke schwebende Gelbweste prügelt – nicht gerade subtil, aber anschaulich – die Gegenwart ins Stück. Trotzdem erhärtet sich zusehends der Verdacht, dass hier vornehmlich für Bekehrte gepredigt wird: Die Tore, die hier wuchtig eingetreten werden, standen bereits davor weit offen. (jole)




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